Interview: Susi (38) aus Wien

Hier teilt Susi ihre Gedanken zum Tod ihrer Mutter mit uns. Ihre Mutter starb nach langer Krankheit (40 Jahre Multiple Sklerose) plötzlich und unerwartet an einem Harnwegsinfekt. Susi fühlt sich, als habe sie ihre Mutter gleich zweifach verloren. Einst an die Krankheit, nun an den Tod…

Was für ein Mensch war deine Mutter?

Meine Mutter war ein grundsätzlich lebenslustiger, facettenreicher Mensch; bis zu dem Zeitpunkt wo ihr die „Krankheit mit den 1000 Gesichtern“ viel zu früh alles genommen hat – den Beruf als Volksschullehrerin, den Ehemann, ihre Kinder, vielleicht auch ihre Würde. Bevor sie viel zu früh – und nicht direkt an der multiplen Sklerose – verstorben ist, war sie eigentlich ganz zufrieden, trotz des Lebens im Rollstuhl im Pflegeheim im Vergleich zu den Verlusten als junge Frau – wo die MS leider meist zuschlägt, im besten Alter, zwischen 20 und 40…

Welche Bedeutung hatte deine Mutter in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Ich hatte leider nicht viel von ihr in einer gesunden Version – sie ist erkrankt zu einer Zeit, wo MS noch nicht sehr behandelbar war – ihr Umfeld war heillos überfordert. Ich habe sie schleichend schon als sehr kleines Kind verloren und durch die Scheidung meiner Eltern in ihrer Funktion als Mutter völlig. Durch ihren endgültigen Tod vor einigen Monaten versuche ich herauszufinden, wer sie – für mich – war.

Wie alt warst du, als sie gestorben ist und wie erinnerst du dich an ihren Tod?

Ich war 37 – jetzt bin ich 38, und ich war sehr geschockt, es war aus dem Nichts, noch dazu direkt nachdem ich wegen einer kleinen OP aus dem Krankenhaus gekommen bin. Ich habe lang funktioniert – auch weil ich musste mit kleinem Kind, Job und chronisch krankem Mann.

Woran ist sie gestorben?

Sie ist an den Folgen eines harmlosen Harnweginfekts verstorben – wohl geschwächt durch 40 Jahre Multiple Sklerose und trotzdem völlig unerwartet nach einem für ihre Verhältnisse recht fitten 66. Geburtstag kurz davor.

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Dass ich mich nicht verabschieden konnte – und dass es so überraschend kam. Mit langen chronischen schweren Krankheiten kenne ich mich aus – mit dem Tod noch nicht. Ein Jahr davor ist mein Partner an einer chronischen Rückenmarkserkrankung erkrankt und seitdem häufen sich die schlechten Nachrichten.

Durch unser nicht ganz einfaches Verhältnis, die Krankheit meines Partners und den ganz normalen Stress mit Kind, Arbeit und Co. habe ich sie Monate zuvor zuletzt gesehen. Das schmerzt sehr.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Eigentlich nichts – ich bin erst jetzt direkt darin, leide sehr, körperlich und seelisch, wie es scheint, Monate zeitversetzt. Lange funktioniere ich gut, und dann kracht es umso mehr herein. Ich hätte vielleicht schon früher Nein gesagt zu vielen Dingen des Alltags, dann hätte mir es mein Körper vielleicht nicht so brachial zurufen müssen, dass ich mal stoppen soll. So bin ich in einer Art Burnout gelandet.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Einige wenige Menschen – viele weichen den Themen Tod, Krankheit & Schmerz aus. Auch sehr schöne neue Bekanntschaften sind entstanden – gerade durch die Trauer und den Schmerz. Nähe. Musik und Kunst(therapie) hilft mir, Emotionen zu begleiten. Natur – zum Beispiel, dass Bäume länger da sind als wir. Ruhe – die ich als Mutter und vielbeschäftigter Mensch zu wenig habe. Das Wort Nein. Nein als Stoptaste im Alltags-Rush.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Ich würde dem Menschen sagen, dass er sich abgrenzen soll. Von Menschen, die ihm nicht gut tun, die ihm keine Zeit lassen. Von gut gemeinten Ratschlägen. Ich würde versuchen nur zu zuhören – da zu sein – etwas, das wir alle nicht so gut können.

Wie denkst du heute über deine Mutter und ihren Tod?

Ich bin aktuell sprachlos. Auch wenn ich sie wenig als Mutter erlebt habe, fehlt mir ihr Dasein, ihre Seele, auch wenn sie entfernt war.

Wie hat dich der Tod deiner Mutter verändert?

Ich bin mir, wohl wie viele davor, der eigenen Sterblichkeit mehr bewusst. Mein Leben lang war ich die Gesunde neben Kranken, und nun haben mich auch klassische Stresskrankheiten erwischt. Ich bin gerade dabei zu lernen, dass auch ich nicht unendlich funktioniere, und ich lerne gerade radikal, Hilfe anzunehmen.

Ich hätte dich wahnsinnig gern noch über meine Kindheit ausgefragt – wie ich als kleines Kind war, wie dein Leben war bevor du Mutter geworden bist. Ich vermisse deine humorvolle Eigenart, die auch in deinem tragischen Leben – in dem du 40 von 66 Jahren schwer krank warst – irgendwo immer vorhanden war.


Susi (38) ist Kunstlehrerin, Künstlerin, angehende Kunsttherapeutin – und Mutter. Sie lebt mit Mann und Kind in Wien.