Interview: Padma (61) aus Künzell

Padma Ellen erzählt vom Tod ihrer geliebten Tochter Leonie, die bei einer Bergwanderung mit ihrem Mann und einem Freund ums Leben kam.
Eine sehr besondere Verbindung zwischen zwei Menschen lebt spirituell weiter…


Was für ein Mensch war deine Tochter?

Sie war Liebe, Güte, großes Glück für mich, unsere Familie und Menschen, denen sie begegnete. Sie war (und ist) außergewöhnlich, da sie schon von Geburt an ein starkes, spirituelles Bewusstsein hatte, wie Hellsichtigkeit, Hellfühligkeit, sie konnte mit der Natur, mit Tieren kommunizieren und „wusste“ von Bereichen, die sie nie „gelernt“ hatte. Sie war mit ganz besonderen Gaben gesegnet, hoher Intelligenz, künstlerischem Können, sozialer Kompetenz und tiefer mitfühlender Präsenz für jedes Wesen. Sie war unglaublich schön, bescheiden, still, sehr wach.

Sie war künstlerisch besonders begabt, sie malte schon als Zwei-/Dreijährige Bilder, die kaum von uns hätten gemalt werden können, Pferde in Perfektion mit fünf Jahren und Engelwesen ohne Gesichter, die allerdings eine ganz spezifisch erkennbare Ausstrahlung, einen Ausdruck hatten. Sie war wach, offen, sehr bewusst, ging ab und zu über ihre Grenzen, bedingungslos hilfsbereit und freigiebig, wunderschön, hochintelligent, sensitiv, medial begabt, konnte alle und sehr vieles verstehen, war mitfühlend, empathisch, selbstbewusst, immer darauf aus, für die Welt etwas zu bewirken, eine bessere, friedlichere, saubere Welt zu ermöglichen, umweltbewusst. Sie war bewusst und gesund in vielen Aspekten, sei es Ernährung, Körperbewusstsein, Gedankenhygiene und in ihrem disziplinierten Krafttraining, seit sie mit Simon kletterte. Sie tanzte Hiphop & Ballett, spielte Harfe, alles mit einer großen Leichtigkeit und Freude, doch auch Ernsthaftigkeit. Sie freute sich ehrlich über Kleinigkeiten, stand auf Einfachheit, Natürlichkeit, Naturverbundenheit und bewusster Nachhaltigkeit (was ist in 10 Generationen nach uns?).

Sie war verschwiegen und zurückhaltend, achtsam, konnte lauschen, zuhören, ihre Sinne waren extrem gut ausgebildet; Augen wie ein Adler/das Gras wachsen hören…. Sie war offen für das Geistige, für Naturwesen und hatte bis zu ihrem Tod vieles erschaffen an Kunst, Graphiken von Pferde-Faszien für TTouch-Praktiker, Ausbildungen in Tierkommunikation und hatte mit 20 Jahren ihre Ttouch-Praktiker-Ausbildung und drei Wochen vor ihrem Tod ihr Kunst-Therapie-Pädagogik-Studium abgeschlossen.

Sie war zart und weise. Sie wusste, was sie IST und was sie wollte.

Sie ging seit ihrem 7. Lebensjahr den Weg der Schamanin, mit mehreren Sonnentanz-Ritualen, Visionssuchen und ungezählten Schwitzhütten, Giveaway und die jährlichen Pferde-, Pfingst- und Sommercamps in dieser Gemeinschaft waren ihr heilig. Sie liebte Pferde über alles, doch auch für andere Tiere hatte sie ein riesiges Herz.

Sie meditierte, schrieb für sich, hatte einige Jobs in Bereichen ihrer Begabungen neben ihrem Studium, um ihr eigenes Geld für ihre Seminare, Reisen und Rituale zu verdienen. Sie war bescheiden und dankbar für so vieles. Sie bekundete immer wieder ihre Dankbarkeit für ihr gutes Leben und alle Unterstützungen für ihre Waldorf-Schulzeit, ihre Ausbildungen, ihr Studium an einer anthroposophischen Hochschule, ihre vielen Reisen, unsere unermüdliche Unterstützung und Bewunderung für ihren kreativen Weg. Sie war fleißig und wissbegierig. Sie las so schnell, wie kaum ein anderer Mensch, ich kenne niemanden der ein komplettes Harry Potter Buch in sechs Stunden las.

Sie war ein zauberhaftes Menschen-Wesen, eine elfenhafte Schönheit.

Welche Bedeutung hatte deine Tochter in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Vom ersten Augenblick der Konzeption war sie (m)eine „Meisterin“ (alle meine Jungs und mein Mann sind meine Lehrer). Ich habe endlos viel von ihr gelernt. LIEBE war und IST das bindende Band zwischen uns, früher als Mutter und Tochter in unseren schönen, weiblichen Körpern, heute als Seelen in verschiedenen Welten.  Sie war „einfach“, hat sich selbst als Alleingeburt geboren, es gab nie Probleme beim stillen, sie hat sogar ab und zu tagsüber geschlafen als Baby und nachts war sie als einziges meiner Kinder „pflegeleicht“. Sie war unglaublich verständig, was ihre Allergien betraf, schon mit zwei Jahren fragte sie z.B. „Ist da Gluteeeen drin??“ und wenn, hat sie es nicht angerührt. Dennoch war ich gefordert durch ihre Überempfindlichkeit und Hypersensitivität, und wurde dadurch selbst an uralte Verletzungen aus meiner Kindheit gebracht. Wir hatten in den letzten Jahren eine enge, freundschaftliche, respektvolle Beziehung. Wir sprachen über Themen, die mit meiner übrigen Familie kaum möglich waren und sind. Wir „verstanden“ uns ohne Worte, doch auch mit Worten. Wir lernten gerne und über alle Maßen viel voneinander, ich definitiv mehr von ihr. Ihr irdischer Tod ist für mich ein Teil dieser Besonderheit mit ihr. Unsere Seelen haben sich aus Liebe diese Versprechungen gegeben. Sie war zauberhaft und wir konnten uns ehrliche, wunderbare, weitreichende Komplimente machen, konstruktive Kritik üben und das Wahre, Gute, Schöne in uns wahrnehmen und äußern.

Wir waren uns beide unserer Weiblichkeit und Nützlichkeit für diese Welt bewusst, zur Heilung kollektiver Themen und zur Heilung des Männlichen. Das verband uns. Und dass wir uns beidseitig achteten, ehrten, schätzten, respektierten und bewunderten, ohne abgehoben zu sein. Wir konnten ausgelassen sein, still sein, weinen und uns trösten. Wir konnten streiten, schreien und uns vergeben. Wir konnten im Café sitzen, Rollen spielen, Quatsch machen und über vielerlei Themen sprechen. Die Zeit miteinander war immer zu kurz. Wir konnten uns beschenken, mit Kleinigkeiten, mit Briefen, Worten, Umarmungen und am Telefon. Wir glaubten beide an Wunder und erlebten Wunder!

Wir waren, obwohl wir beide volle Terminkalender hatten, zusammen einen wundervollen und unvergesslichen Tag auf den Goldenen Stegen und liefen über den Iseo-See in Italien (ein Christo-Projekt) und erlebten reichhaltige Schönheit. Das war tatsächlich Wunder und wir erkannten das beide. Eine zeitlose Zeit der Freude, der Dankbarkeit. Wir erlebten drei unbeschreibliche Wochen in Indien, als sie uns (meinen Mann und mich) auf unserer halbjährigen Indienreise besuchte. Ihr jüngster Bruder, der auch zwei Wochen mit in Indien war und sie, erlebten meinen Avatar, Heiligen und Meister BalasaiBaba im Ashram in Kurnool und sie wurden beide von ihm über alle Maßen gesegnet und beschenkt. Sie glaubte mir alles von den erlebten Wundern und Begebenheiten, wenn ich von einer Reise aus dem Ashram kam und sie selbst erlebte hier im Alltag einige Wunder und Begegnungen, die sie mit mir teilte (meine Jungs bezweifelten und belächelten vieles davon). Es war kurz vor ihrem zweiten Geburtstag, als ich das erste Mal für wenige Tage bei meinem Meister sein durfte und sie wuchs mit den Wundern und dieser Liebe zu Gott auf.

Sie hat mich zu manchen ihrer wichtigen Rituale eingeladen und ich bin gefolgt. Bei ihrer schamanischen Namensinitiation in einer der nachhaltigsten Schwitzhütten, dann bei einem ihrer Sonnentänze. Im Nachhinein bin ich ihr zutiefst dankbar, mich gebeten und gefragt zu haben und weiß heute, was dies für uns bedeutet. Ich bin zu jeder ihrer Ausstellungen gekommen, was ein Segen für mich war.

Ich weiß nicht, ob ich Leonie, so wie sie war und ich sie sehe und beschreibe „verherrliche“. Doch sie war auch für meinen Mann, ihre drei Brüder, ihre Freundinnen, die Simon-Familie, für ihre schamanische Gemeinschaft ein ganz außergewöhnlicher, bedeutungsvoller Mensch. Für mich bleibt sie meine unermesslich geliebte Tochter. Ein kostbares Geschenk der Göttin an mein Leben. Und unvergleichlich liebe ich alle meine lebenden Kinder und jene sechs „Sternenkinder“ in der Geistigen Welt.

Wie alt warst du, als sie gestorben ist und wie erinnerst du dich an ihren Tod?

Ich war 58,7 Jahre als sie starb. Ich erinnere mich daran, wie wir es erfuhren, wie die Polizei kam und ich die Kopien der Ausweise von Simon und Stefan sah, als der Stapel Papiere auf den Tisch gelegt wurden. Da wusste ich es! Als es ausgesprochen war, dass die drei jungen Bergsteiger am frühen Morgen des vorherigen Tages am Biancograt abgestürzt sind, fühlte ich sehr genau, wie mich eine Liebeswolke einhüllte. Es war so, als würde mich diese rosa-duftende Wolke von Liebe und Geborgenheit nicht nur einhüllen, sondern durchdringen, in jedem Aspekt meines Seins. Dennoch bekam ich alles im Außen mit, beobachtete sogar meine Gedanken dazu, ob dies wohl meine Art von „Vermeidungsstrategie“ sein könnte, um den Schock, dieses größte aller Traumata, nicht allzu heftig zu erleben. Doch da ich das so stark und wahrhaftig spürte, ließ ich mich darin halten. Wir erfuhren alles, was bis dahin bekannt war, dass Leonie, Simon und Stefan, also alle drei tot waren, nach dem sie fast 600 Meter am Eisberg entlang und mit Steinschlag abstürzten, dass es Bergsteiger beobachteten und den Notruf betätigten, um das Unglück zu melden und ihre eigene Rettung vom Eisgrat zu fordern. Und die Bergung der irdischen Überreste wegen der Wetterverhältnisse erst am nächsten Tag und unter widrigen Bedingungen stattfinden konnte. Ich hörte mich sagen: „Wir wissen jetzt noch nicht, was für Geschenke das (ihr Tod) für unser Leben bedeutet“ und der Polizist schüttelte den Kopf, sagte, dass er so etwas noch nie erlebt habe. Ich spürte meine Scham und Schuld, dass ich so etwas nicht hätte sagen dürfen, nicht als Mutter, die gerade erfährt, dass ihre einzige Tochter tot ist. Es gab noch mehrere solcher Situationen, Äußerungen. Der Beamte erzählte auch, dass seine Tochter auch Leonie hieße und genau so alt sei. Ich kann mich also an die Todesnachricht, an den Abend erinnern, an viele kleine Einzelheiten, an Gefühle, an Gespräche, prägende Sätze und meine Liebe, mein Verständnis für ihre Seelen, ihren Weg, meine Tränen und meine Dankbarkeit, ja sogar meinen „Flow“. Dass ich noch im Beisein der Polizei unseren Zahnarzt anrufen sollte und ihn sofort erreichte, wegen Leonies Zahnabdrücken, die zur genetischen Beweisführung dienen sollten, dass zudem meine Speichelprobe genommen wurde, dass unser Jüngster dazukam (damals 20) und zutiefst erschüttert weinte, zitterte und mein Mann hinter ihm stand und ihn hielt, ich meine großen Jungs anrief und sie sehr geschockt, bestürzt waren. Mein Ältester in Hamburg vom Rad fiel und verzweifelt rief „Nicht die Leonie, sag, dass das nicht wahr ist. Ich wollte sie doch noch besuchen…“. Unser zweiter Sohn, der hier in der nächsten Stadt lebt, kam mit seiner Freundin zum Feuer, was wir dann draußen entzündeten. Er war sehr erschüttert und wollte es nicht wahrhaben und weinte. Auch ein Freund unseres jüngsten Sohnes kam dazu, unser Zahnarzt kam mit den Abdrücken und wir standen ums Feuer, umarmten uns, weinten und räucherten, opferten händeweise heilsame Kräuter, Weihrauch, Holz-Harze, Dhoop.                                    

Ein Abend, der ganz gewiss unser Leben als Familie veränderte. Ohne sie, ohne Leonie und Simon, würde es weitergehen. Unbeschreiblich tief, gewaltig.

Ich betete noch lange sitzend auf meinem Bett, ich schrieb mein Erlebtes in mein Tagebuch bevor ich mich schlafen legte. Ich träumte von ihnen und wachte dankbar auf, dass ich sie treffen durfte. Am nächsten Tag kamen alle Jungs zusammen, mit Freundinnen. Die Großeltern und unsere Geschwister erfuhren es, ich schrieb von diesem Tag an viel für mich selbst in Bezug auf mein Erleben mit ihrem Tod. Manches davon teilte ich mit meiner Familie, mit Freunden, nach einigen Monaten auch auf meiner Homepage unter LICHTVOLL TRAUERN.

Woran ist sie gestorben?

Sie ist mit ihrem Mann und einem gemeinsamen Kletterfreund in den Schweizer Bergen auf einer Hochalpintour am Biancograt zum Piz Bernina abgestürzt.

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Das Schlimmste war der Schmerz des Endgültigen, Ewigen. Mir klar zu machen, dass ich sie nie mehr in den Arm nehmen und sie spüren konnte, sie nie mehr sehen und ihr besonderes, ansteckendes Lachen hören würde, ihre Überraschungsbesuche, ihre Anrufe vermissen würde, wie sie „Hallo Mama“ sagte und „Mama, ich liebe Dich so sehr“ oder „Danke das Du meine Mama geworden bist“.

Zu wissen und zu fühlen, es gibt das jetzt nicht mehr: ihr Leben, ihre Weltreise, auf die sie eine Woche später mit ihrem ARTOFCLIMBING für ein oder einige Jahre gefahren wären, keine Schwangerschaften, bewussten Geburten und süßen Kinder von ihnen zu erleben, ihre ganzen kreativen Ideen etc. Dass ich meine einzig lebende Tochter „verloren“ hatte und sah, wie sehr ihre Brüder und mein Mann erschüttert und verzweifelt waren und wie sie trauerten und auch jetzt trauern und oft im Unverständnis sind. Und es tat weh mir einzugestehen, dass ich um mich selbst trauerte, um mich selbst weinte, im Selbstmitleid war und nicht um sie weinte, sondern wegen mir.

„Geschafft“ damit umzugehen: Ich glaube es ist ein lebenslanger Prozess, damit „umzugehen“. Ein tägliches Kommen und Gehen der Wellen dieser Realität eines irdischen Verlustes der erheblich für mein Leben ist. Es ist die menschliche Wahrheit, dass ihre Körper nicht mehr hier sind und ich sie wirklich vermisse. In den ersten Monaten bin ich überrollt worden von heftigen Gefühlen dieser Trauer, eines Schmerzes und von Tränen, denen ich mich dann sehr bewusst hinagb, mich tatsächlich auf die Knie sinken ließ und weinte und es durch mich durch strömen ließ, die Welle der Wucht an Schmerz und körperlicher Heftigkeit, diesen Verlust in jeder Pore, jeder Zelle zu erleben, es durch mich durchpeitschen zu spüren, bis es nachließ und vorbei war. Und das war ebenso bemerkenswert, diese Freiheit und Leichtigkeit danach zu erleben, wie ich viel tiefer und freier atmen konnte, mein Brustkorb weit und hell, fast strahlend war, nach so einem Strom, nach einem Weinen, um mich selbst und mir mein (Selbstmit)Leid, meinen Schmerz, meine Trauer einzugestehen und zuzugestehen. Mir war ziemlich schnell bewusst, dass ich nicht um meine Tochter oder um die beiden, bzw. alle drei jungen Menschen weinte, sondern um mich selbst. Ich habe versucht mich nicht abzulenken, wenn ich die Trauer spürte und heute nach 18 Monaten immer noch spüre!!, wenn sie mich vereinnahmte. Ich hatte auch einige wenige Menschen, mit denen ich sprechen konnte, Menschen, mit denen ich lachen und Quatsch machen konnte, trotz der Tragik.

Die Tatsache, dass wir kaum geäußerte Anteilnahme in Form von Briefen, Karten, Anrufen oder Besuchen bekamen, war und ist ein Schock für mich. Hunderte von KollegINNEN aus meinen 40 Jahren Praxisarbeit, alle aus sozialen Berufen, Psychologen, Pädagogen, Heilpraktiker, Ärzte, Psychiater, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen, all die Eltern aus den Einrichtungen in denen wir als große Familie über 30 Jahre zugegen und zugange waren.

Was geschieht in diesen Menschen? Das habe ich unzählige Male in mir bewegt. Die meisten haben ebenfalls Kinder, Kinder im Alter von unseren Kindern – Menschen, die uns und vor allem mich aus meiner beruflichen Laufbahn kennen. Ich begegnete einigen, so ca. 80 Menschen davon, und ich bat sie ehrlich um eine Antwort, damit ich es besser verstehen kann. Die meisten gaben an Angst zu haben etwas falsch zu machen, Angst nicht die richtigen Worte zu finden, Angst vor falschem Verhalten, die Unsicherheit, der Schock, die Scham bei so einem unerbittlichen und unangenehmen Thema wie Tod. Was uns alle und in jedem Moment (be)treffen kann. In all diesen Menschen war diese Unsicherheit, Angst, Beschämtheit etc. und je mehr Zeit verstrich, umso größer wurde die Hürde ein Zeichen geben zu können oder zu wollen. Manche hatten Erklärungen wie „Ich kannte Deine Tochter gar nicht, sie hat nur auf der Abifeier meines Sohnes fotografiert….“, eine Frau, mit der ich vor 45 Jahren meine Erzieherausbildung machte und wir uns als Waldorfkinder-Eltern immer wieder begegneten. Ein Geschäftsmann, der unsere ganze Familie und Leonie persönlich von klein auf kannte, sagte mit einem vorwurfsvollen Ton: „Man darf nicht so anspruchsvoll sein! Die Menschen sind halt so.“         

Es gab noch einige andere Bemerkungen, die mich echt schockten. Und von einigen kamen bei so einem Gespräch die Versprechungen, wenn jemand dann erleichtert war, mit mir gesprochen zu haben…… „ich komme mal vorbei“, „ich rufe Dich an“ etc. Nein, von diesen Menschen kam dann niemand, schrieb niemand, meldete sich niemand.

Ja, ich war sauer, beleidigt, sogar wütend. Ich verstand das nicht und wollte auch nicht mehr länger Mitleid mit all den hilflosen, entsetzten Menschen im Außen haben, die das so schlimm finden und deswegen kein Wort sagen können und uns peinlichst aus dem Weg gehen wollen. Menschen, die zusammenzucken, wenn sie mich im Bioladen oder auf einer Spagyrik-Fortbildung sehen. Dann möchte ich ihnen gerne sagen. „Keine Angst, du brauchst dich nicht auf mich einzulassen. Ich kenne deine Hemmungen und Ängste. Du darfst schweigen und wegschauen. Ich habe dafür überaus Verständnis. Es tut mir leid, dich mit etwas zu konfrontieren, was jederzeit in dein eigenes Leben kommen kann“

Von dem kleinen Dorf, in dem wir leben, das habe ich eher verstanden, da wir „anders“ sind, anders leben, uns anders verhalten und da es dann doch keine Beerdigung hier am Friedhof gab, worauf die Dorfbewohner vermutlich gewartet hatten, um dann mit Trauerkleidung und den üblichen Floskeln „Herzliches Beileid“ auszusprechen zu dürfen.

Inzwischen weiß ich um meine „Forderungen“ und „Ansprüche“ und dass ich diese zwar „haben“ darf, doch dass die Welt, wie sie im Moment noch ist und tickt, nicht darauf eingehen wird. Die Menschen sind hilflos und in der Tat „beschränkt“, es ist schwierig sich in so einem Fall von plötzlichem, unerwartetem und tragischem Tod zu äußern.

Ich bleibe dabei, sehr persönlich etwas zu schreiben, zu sagen, mitzuteilen, wenn jemand Not, Schmerz, Trauer oder eine Erkrankung, einen Unfall erleidet, weil es mich selbst erleichtert, beruhigt und beim anderen als Segen und Liebe ankommt.

Für mich und uns alle war die Abschiedsfeier für Leonie und Simon von großer Bedeutung, die vier Wochen nach ihrem Tod im großen Saal der hiesigen Walddorfschule mit ca. 300 Menschen stattfand. Es war eine berührende, tröstliche und heilsame Feier, die alle Bereiche ihres Lebens durchwob und von vielen ihrer Freunde aus den verschiedenen Lebensbereichen mitgestaltet wurde. Schon einige Tage zuvor hatten wir die menschlichen Reste ihrer Körper im engsten Kreis unserer beiden Familien unter freiem Himmel, in die Natur, die sie so sehr liebten, als heilsames Ritual verstreut. Das war für Leonies und Simons Seele und unserer beider Familien ganz besonders, schön und heilsam. 

Und auch nur deswegen möglich, da sie in der Schweiz verstorben und dort zusammen eingeäschert werden konnten.

Ich erledigte fast allen Papierkram alleine, worauf ich wirklich stolz bin. Als die letzten Rechnungen mit Bergungskosten, Kremation in der Schweiz und alle bürokratischen Angelegenheiten abgeschlossen waren, reiste ich zu meinem Meister nach Indien. Ich wusste schon immer, also seit 1993, wenn so etwas wie Tod eines meiner Kinder oder meines Mannes in mein Leben kommen sollte, dass dies mein Ziel, meine Heilung sein würde. Von meinen Heilungen und Transformationen dort bei der Großen Göttin möchte ich hier nicht berichten. Es war mir heilig und Heilung auf allen Ebenen.

Ich gehe jeden Tag bewusst in meine Gebete, in meine Dankbarkeit. Dankbarkeit für mein Leben, meine Wahrnehmung, meine Schulungen, unsere Zeit, die wir mit ihr und beiden hatten, Dankbarkeit für das, was sie an Kunst und ihrem Roadstories-Projekt hinterließ, das wir gerade weiter in die Welt bringen als Buch und mit Ausstellungen.

Dankbarkeit, dass ich schreiben kann, Worte finde, die berühren und sogar anderen helfen können.

Dankbar für meine Sichtweise auf das Leben, mein Leben und den Tod, dankbar für die Kontakte mit ihnen, sei es durch Träume oder Erlebnisse vielschichtiger Art, meine Kommunikation mit ihnen und der Geistigen Welt.

Dankbar für meine Familie, meine Kinder, die Enkelchen die da sind und kommen.

Dankbar und glücklich mit meinem Mann, mit dem sich immer wieder, seit dem Tod unserer Tochter, einiges verändert, erweitert und heilen darf. Dass wir zusammenstehen, uns gut tun, uns in unserer Andersartigkeit SEIN lassen, uns wahrhaftig lieben. Wir sind in einem Jahrestraining für Paare, was uns für unsere Partnerschaft wichtig ist.

Dankbarkeit für unsere wenigen Freunde. Dankbar für meine Söhne und die Liebe, den Respekt und unserer Bemühungen, jeden so zu respektieren, wie er ist, wie er mit dem Tod der Schwester umgeht.

Ich bin kreativ, kümmere mich um meinen Körper, mache Yoga, Pilates, NIA. Ich gehe täglich bewusst in die Natur, ich bete, meditiere, ES ist mein Atem. Ich erlaube mir meine Trauer, mein Weinen, wann immer es kommt.

Ich habe mich ziemlich schnell um eine Psychotherapie gekümmert und sehr bald einen Psychologen gefunden, genauer gesagt fünf Stunden nach meinem ersten Anruf hatte ich meinen ersten Termin bei ihm. Es war gut jemanden zu haben, der mir gerne und interessiert zuhört. Für diesen Psychologen, im Grunde ein alter Kollege, war ich immer wieder hoch „interessant“, wegen meiner nicht ganz üblichen Sichtweise auf Leben, Tod, Weiterleben. Heute gehe ich alle paar Wochen zu einer Therapeutin.

Ich kümmere mich natürlich neben all dem „Trauern“ um allen Haushalt, um meine Familie, bin mit meiner Selbstständigkeit täglich unterschiedlich lange betraut, kümmere mich um Menschen, die Hilfe brauchen und bin aktiv für die indischen Projekte des BalasaiBaba-Trust.

Ich bin ab und an bei den Treffen für „Trauernde Eltern“ dabei (mein Mann regelmäßiger, da ich selbst einen Kurs gebe an diesen Abenden). Für uns bzw. mich ist es nicht wirklich erleichternd, tröstend oder heilsam dort teilzunehmen, da die meisten dieser „Trauernden Eltern“, die teilweise schon seit 16 Jahren oder länger in Trauer, ihrem ganz persönlichen Leid, im Opferbewusstsein und mit der ewigen Frage nach dem „Warum“ leben und sprechen. Mein Mann sagte mal, dass wir bzw. er da hingeht, weil wir/er auch wichtig für die anderen sind. An einem solchen Abend kann es sehr massiv sein, mit den Erzählungen von leidvollen Sterbeprozessen, die zwar schon lange her sind, doch anscheinend immer noch von großer Bedeutung für die Betroffenen sind. Ich gehe mit, wenn ich kann, um andere Eltern in ihrer Trauer kennenzulernen und zu erfahren, wie sie damit umgehen. Ich war auch in „Tod-Reden“-Kreisen, in einem christlichen Gesprächskreis Treffpunkt Trauer, wo kaum Zeit ist über mehr zu sprechen, als in der Vorstellungsrunde, weshalb man da ist und wen man „im Gepäck“ hat. Auch da nehmen jene viel Raum mit Sterbedetails ein, die sich als Opfer der Umstände sehen.

Was mir definitiv hilft bei dem Prozess des Trauerns ist, dass ich nie nach dem Warum frage, weshalb auch? Und mein Respekt vor dem Weg ihrer Seelen. Das zeichnet meine Liebe zu ihnen aus. Ich habe sie sehr bewusst FREIgegeben. Das hat mich erleichtert, mich selbst von Schwere, Last und von Schmerz befreit. Ich weiß aus vielen Träumen, dass sie immer in Freude waren und sind, wenn es mir und uns gut geht, wenn Dankbarkeit, Liebe und die Freude am eigenen Leben ehrlich gelebt wird. Ich habe auch gesehen bzw. gezeigt bekommen, dass die Toten nicht glücklich und frei ihre seelische Entwicklung fortführen können, wenn wir sie festhalten und im Leid stecken bleiben. Sie wollen uns helfen, doch kommen sie nicht an uns heran, wenn wir unsere Schuld, Scham, unser Unverständnis füttern.

Mir haben einige Bücher geholfen. Wunderbare, bestätigende Bücher über das Leben in der Geistigen Welt, über die Seele, über Seelenpläne oder das Buch „Du bist stärker als dein Schmerz“ von Marianne Williamson, doch ebenso Texte, Artikel von und über Sterbende, den Tod und das danach.

Ich habe in der Zeit seit ihrem Tod viel über Trauer geforscht, für mich selbst und durch mich selbst, durch andere, über Literatur etc. Ich sehe, dass das mein Weg der Gnade ist. Und Gnade kann ich nicht erlernen, kann ich nicht einfordern. Gnade geschieht wie der täglich überströmende Segen der Göttin für uns Wesen auf dieser Erde. Ewig, unablässig, niemals versiegend.

Was mir hilft ist, mir all das einzugestehen, zuzugestehen und es zeitlich nicht zu begrenzen, dass es irgendwann „fertig“ und abgeschlossen ist, das Trauern. Dass ich so sein darf ohne mich schlecht oder schuldig zu fühlen. Das lerne ich gerade durch den Tod meiner Tochter. Ich fühle mich immer wieder schuldig und beschämt, wenn ich weine, selbst vor meinem Mann, erst Recht vor anderen oder gar in der Öffentlichkeit.

Was hättest Du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Hmm, weiß ich nicht. Kann ich gar nicht beschreiben. Und ob da etwas ist????

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Gott/Göttin, mein Meister, meine tiefe, unergründliche Liebe und zu wissen, endlos geliebt zu sein. Ein Kind Gottes, ein immerwährend geliebtes Kind der Göttin zu sein. Allzeit geborgen gehalten, getragen, beschützt, begleitet, umsorgt zu sein.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Auch das kann ich nicht sagen, denn es ist absolut einzigartig und es würde aus mir heraus das Optimale und Passende kommen. Es wäre auf alle Fälle etwas, um zu sagen, dass es kein „richtig“ oder „falsch“ gibt, sondern nur der einzigartige, wahrhaftige Moment und das was da ist und gefühlt wird, ernst zu nehmen. Auf sich und sein Herz, seine Seele zu hören, zu lauschen, was sich gerade gut anfühlt…. ob ein Mensch, ein Baum, ein witziger Film, ein Feuer, das Trommeln oder eine Flasche Wein (wer das mag). Keine Ahnung was das in jedem wieder anderen Moment für einen mit dem Tod konfrontierten Menschen sein mag. Gerade hat ein guter Freund von seiner Diagnose mit Tumoren und Metastasen erfahren, er ist jünger als ich. Ich schreibe und spreche mit ihm, wie es gerade im jeweiligen Moment IST. Am wenigsten kann ich darüber nachdenken. Es „geschieht“ und ist Geschenk, Segnung und Gnade.

Wie denkst du heute über deine Tochter und ihren Tod?

Ich denke, SIE und ihr Tod sind Geschenke in meinem Leben und für mein Leben. Sie schult mich, sie lehrt mich in der Liebe zu sein und noch tiefer das Mysterium des Lebens, der Ewigkeit, die wir als Seele sind, zu ergründen. Ich denke und fühle, dass sie gerade das Liebevollste IST in meinem Leben. Und dass sie mich unablässig mit ihrer Liebe, ihren Gaben begleitet. Auch in meinem Prozess der Trauer, meinen Sorgen. Meine momentane Sorge, Ängste um die Gesundheit meines Jüngsten, auch hier hilft sie mir in der Geduld und im Geschehen-lassen zu bleiben. Niemals ist etwas ohne Sinn und Zweck und Ziel, ich muss auch nicht alles verstehen.

Wie hat dich der Tod von deiner Tochter verändert?

Ich bin noch sensitiver, feinfühliger, gradliniger geworden. Ich bin auch „frech“ und „unverschämt“ geworden, auch wenn m. E. noch viel zu viel Scham spürbar ist. Ich bin zuversichtlicher geworden auf das was kommen mag und IST. Ich kann im Nicht-Wissen sein ohne Klarheit zu erzwingen. Ich bin sehr viel toleranter und achtsamer gegenüber meinen Söhnen und meinem Mann. Ich lausche mehr. Ich habe unergründlich viel Mitgefühl. Ich lasse mir mehr Zeit. Ich schaue tiefer und meine Fragen sind definitiv intelligenter und weitreichender, als sie sonst schon waren. Ich bin voller Dankbarkeit und es ist darin auch Freude, Freude das so zu spüren und meine Sichtweise. Ich bin eine Schülerin dieses Lebens und möchte noch so viel lernen auf diesem Weg der Meisterschaft. Ich weiß, wie sehr ich darum bemüht bin in Selbstliebe, Selbstfürsorge, Selbstrespekt zu sein.


 

Padma (61) ist zehnfache Mutter und lebt mit ihrem Mann und drei Söhnen in einem kleinen Dorf zwischen Fulda und Rhön.

Sie hat als Psychologin, Psycho-Kinesiologin und Naturheil-Kundige gearbeitet und ist jetzt Zauberin für tausende von Blüten-Essenzen und Aroma-Ölen, mit denen sie individuelle Aura-Raum-Sprays und Öle fertigt.

Ich lausche und begleite Menschen von der spirituellen Geburt über alle Lebens-Angelegenheiten bis zum bewussten Sterben.

Das Leben ist ein Mysterium, es wäre viel zu kostbar, es nicht in jeder Facette zu erforschen und zu genießen.

Ein Gedenkplatz für Leonie