Interview: Saskia (28)

In diesem Interview erzählt uns Saskia vom Leben nach dem Tod zwei wichtiger Frauen in ihrem Leben: ihre Mama Doris und ihre Oma Anna sind gestorben.
Es geht ihr besonders um ihre Trauer und wie sie in den letzten 10 Jahren gelernt hat, mit ihr zu leben.Wenn man die Trauer in sein Leben integriert, ist es möglich, irgendwann wieder glücklich zu sein – und das ohne sich schuldig zu fühlen!

Was für Menschen waren deine Mutter und deine Großmutter?

Meine Oma war die Mutter meiner Mama. Sie waren jeweils auf ihre Art und Weise starke Frauen. Beide haben in ihrem Leben viel erleben und ertragen müssen. Ihre Ehen waren, vorsichtig gesagt, geprägt von Herausforderungen und Schwierigkeiten, die sie Zeit ihres Lebens versuchten, zu meistern. Oft habe ich mir für beide gewünscht, dass sie mehr an ihr eigenes Glück gedacht hätten. Aber sie waren auch Menschen, die für andere da waren und sich eingesetzt haben. Sie haben sich nie vor Arbeit und Verantwortung gedrückt. Auch nicht vor jener Arbeit und Verantwortung, die ihnen ungefragt auferlegt wurden. Ich und meine Schwester haben ihnen beiden viel bedeutet und sie haben uns auch viel bedeutet.

Welche Bedeutung hatten deine Mutter und deine Oma in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Meine Mama war für mich ein unglaublich wichtiger Mensch mit einem starken Willen. Für sie waren ich und meine Schwester das Wichtigste. Sie war auch mehr für mich als nur meine Mama, was eigentlich schon echt viel ist. Wir waren auch Freundinnen und Vertraute, aber auch gute Streitpartnerinnen. Zwischen uns konnte es manchmal sehr hitzig werden. Aber nach einer gewissen Zeit des Abstands konnten ein, bis zwei Tassen Kaffee die Wogen meist wieder glätten. Ich glaube, manchmal waren wir sogar unsere gegenseitigen Beschützerinnen, die sich Halt gegeben haben.

Meine Oma war eine typische Omi und genauso wichtig für mich wie meine Mutter. Wir lebten im gleichen Dorf in direkter Nachbarschaft. Als ich ein Kind war, habe ich sie auch häufig Mama genannt, weil ich sehr oft bei ihr zu Hause war. Ich mochte es immer, wenn es in ihrer Küche nach gekochtem Essen oder nach frisch gebackenem Kuchen roch. In den Jahren, in denen sie meine Oma war, musste sie durch viele Erkrankungen gehen und schwere Operationen ertragen. Aber es zeigte sich, dass sie wie meine Mutter eine Kämpferin war. Aufgeben schien irgendwie keine Option zu sein. Deswegen konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass es mal eine Zeit geben könnte, in der beide nicht mehr in meinem Leben sein würden. Als meine Oma älter und gebrechlicher wurde, tauschten wir mehr und mehr die Rollen. Essen kochen, Besorgungen erledigen, mit dem Auto zum Arzt fahren und im Haushalt helfen wurden nun mehr zu meinen und zu Aufgaben meiner Schwester.

Wie alt warst du, als sie gestorben sind und wie erinnerst du dich an ihren jeweiligen Tod?

Ein Gedanke, der mir immer wieder in den Kopf gekommen ist, ist der, dass es ja theoretisch diese Reihenfolge gibt, die mehr oder weniger vorschreibt, wer zuerst gehen muss und wer übrig bleibt: Eltern begraben nicht ihre Kinder, sondern es ist anders herum. In meinem Fall war das nicht so: als Kinder mussten wir zwar unsere Mutter beerdigen, aber unsere Oma hatte die Aufgabe, ihre Tochter beerdigen zu müssen.

Ich glaube, der Tod meiner Mutter war das bisher Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist. Diese Trauer war für mich körperlich spürbar. Irgendwie kann man nicht begreifen, dass irgendwann die eigene Mutter sterben könnte. Und schon gar nicht, wenn man selbst so jung ist und sie ebenfalls. Als meine Mama starb, das war am 23. Mai 2009, war ich grade einen Monat vorher neunzehn Jahre alt geworden.
Sie selbst war fünfzig Jahre alt. Ich erinnere mich ziemlich genau an alles, was an diesem Tag passiert ist, denn ihr Tod kam so überraschend und war so schmerzhaft, dass sich, obwohl ich kaum in der Lage war klar zu denken, alles in mein Gehirn eingebrannt hat. An diesem Tag und in den folgenden Wochen befand ich mich in einem absoluten Ausnahmezustand und stand völlig unter Schock.
Der Tag, an dem sie starb, war ein Samstag und ich war damals bei meinem Freund. Ich wurde am späten Vormittag von meinem Onkel, dem Bruder meiner Mama, angerufen. Nachdem er mir auf die Mailbox gesprochen und ich sie abgehört hatte, merkte ich, wie mein ganzes Blut aus den Armen und Beinen wich. Vermutlich war es seine Tonlage, die für mich beunruhigend geklungen hatte. Ich wurde furchtbar nervös, obwohl er mir noch nicht gesagt hatte, was geschehen war. Ich rief ihn zurück und er sagte mir, dass ich nach Hause zu meiner Oma kommen solle. Als ich fragte, ob etwas passiert sei, sagte er ganz ruhig: „Ich würde dich nicht anrufen, wenn nichts passiert wäre.“ Er wollte es mir nicht am Telefon sagen. Als ich aufgelegt hatte, wurde mir eiskalt und ich fing am ganzen Körper an zu zittern. Tränen liefen mir über mein Gesicht. Mein Freund fragte mich, was los sei. Ich antwortete: „Mein Onkel hat angerufen. Meine Mama ist tot, meine Mama ist tot.“ Auf die Frage, ob er das am Telefon gesagt habe, sagte ich: „Nein, hat er nicht. Meine Mama ist tot. Meine Mama ist tot.“ Es war mir einfach klar, dass nichts anderes passiert sein konnte. Als ich zu Hause ankam, nahm mich mein Onkel in Empfang. Da sagte er mir, was ich ohnehin schon wusste. Ich hatte es einfach gespürt. Wenig später bin
ich und einige Familienmitglieder ins Krankenhaus gefahren, um zu erfahren, was genau passiert war. Sie war der erste tote Mensch, den ich in meinem Leben gesehen habe. In den kommenden Tagen habe ich einfach nur funktioniert. Ich hatte auch da nochmal die Möglichkeit meine Mutter aufgebahrt in einem Sarg liegen zu sehen. Dass dieser Abschied noch zustande kam, war einer der letzten Kämpfe, den ich für sie ausgefochten hatte. Meine Großeltern hatten am Tag ihres Todes nicht die Kraft, ihr eigenes Kind tot zu sehen. Deshalb wollte ich, dass sie wenigstens durch eine Aufbahrung noch die Chance bekommen sollten, sich von ihr zu verabschieden.
Ich kann es leider nicht anders formulieren, aber aus angeblich logistischen Gründen sollte meine Mutter direkt ins Krematorium überführt werden. Ich habe mich dann etwa drei Tage lang mit einem Familienmitglied fürchterlich gestritten und dieser Person versichert, sie gänzlich aus meinem Leben zu streichen, sollte ein letzter Abschied für meine Großeltern verhindert werden. Vielleicht führte die Drohung zum Erfolg, denn meine Mutter wurde ein letztes Mal aufgebahrt und ihre Eltern konnten sich von ihr verabschieden. Das war nicht nur wichtig für sie, sondern auch wichtig
für mich. Etwa zwei Wochen nach ihrem Tod haben wir sie dann im kleinen Kreis beerdigen lassen. Ich erinnere mich, dass es ein strahlend schöner Tag war und hörte Vogelgezwitscher, das mir unglaublich laut, aber auch so angenehm erschien.
Es hatte etwas Idyllisches und begleitete uns auf dem Weg zu ihrem Grab.

Als ich einige Zeit später mit meiner Oma am Fenster in der Küche stand und wir über meine Mama bzw. ihre Tochter sprachen, fing ich an zu weinen. Das passiert mir manchmal heute noch. Ich fragte sie, ob sie auch oft weinen müsse. Da sagte sie mir, dass wir eigentlich mehr über uns, als über die weinen, die gegangen sind. Natürlich müsse sie auch weinen, wenn sie an ihr Kind denkt, aber sie wisse, dass es nur eine kurze Zeit lang dauern würde, bis sie sich wieder sehen würden. Und das war für sie als gläubige Frau ein tiefer Trost.

Diese kurze Zeit erstreckte sich über etwas mehr als fünfeinhalb Jahre. Am 5. Januar 2015 ist meine Oma mit achtundsiebzig Jahren gestorben. Ich war zu dieser Zeit vierundzwanzig Jahre alt.
In ihrem Fall drehen sich meine Erinnerungen nicht um die Zeit nach, sondern um die Zeit vor ihrem Tod.
Es hatte gesundheitliche Komplikationen gegeben und sie wurde auf den Tag genau einen Monat vor ihrem Tod in das gleiche Krankenhaus eingeliefert, in dem auch meine Mutter gelegen hatte. Ich hatte Angst um sie und hoffte, dass sie sich noch einmal erholen würde. Aber mir war auch klar, dass ein Körper, besonders in ihrem Alter, nicht mehr alles ertragen kann. Nicht nur ich, sondern auch andere Familienmitglieder, fuhren abwechselnd jeden Tag zu ihr, sprachen mit ihr und hielten ihre Hand. Ich erinnere mich, dass ich zu dieser Zeit meine Bachelorarbeit schrieb und in meinen Pausen immer zu ihr ins Krankenhaus fuhr.
Auch an ihrem letzten Tag waren wir alle bei ihr. Wir blieben an ihrer Seite und sahen zu, wie ihr Herzschlag immer langsamer wurde. Und wir waren da, als ihr Herz stehen blieb. Wir blieben danach noch eine Weile in ihrem Zimmer und verabschiedeten uns ein letztes Mal von ihr.

Woran sind sie gestorben?

Meine Mama starb an einer Komplikation, mit der wir nicht mehr gerechnet hatten.
Sie hatte am 22. Mai 2009 eine schwere Operation im Bauchbereich, die sie gut überstanden hatte. Am Abend habe ich sie zusammen mit meiner Schwester besucht und sie so zum letzten Mal lebend gesehen. Dafür bin ich unglaublich dankbar.
Am Vormittag des 23. Mai, nachdem sie ein paar Schritte gelaufen war, hatte sie in ihrem Bett einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Während man versuchte, sie wieder zu beleben, zeigte sie keinerlei Reaktionen. Von einer Stunde auf die andere starb meine Mama. Durch Untersuchungen, die nach ihrem Tod vorgenommen wurden, wurde eine bereits vorher vermutete Lungenembolie als Todesursache festgestellt.
Man wird vor einer Operation ja immer darüber aufgeklärt, welche Komplikationen eintreffen könnten. Aber man glaubt nicht, dass das wirklich einmal passieren könnte.
Geschweige denn, wenn man hofft, dass bereits das Schlimmste überstanden ist.

Auch bei meiner Oma traten unvorhergesehene Komplikationen auf. Sie hatte ja die letzten vier Wochen ihres Lebens im Krankenhaus größtenteils auf der Intensivstation verbracht und trotz oder wegen des ständigen Auf und Ab wurde sie
in dieser Zeit immer ein wenig schwächer. Dann erlitt sie in der Nacht plötzlich einen Blutsturz und wurde erneut auf die Intensivstation verlegt und sediert. Innerhalb von Stunden begannen ihre Organe nacheinander zu versagen und ihr Kreislauf stürzte immer wieder ins Bodenlose. Nur Medikamente und eine Dialyse hielten sie noch am Leben. Wir wollten nicht, dass sie sich weiter quälen muss. Wir blieben an ihrer Seite, als sie schlussendlich ihren letzten Weg ging.

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Ich glaube, bei meiner Mama gab es viele Gründe, warum ihr Tod so grausam war.
Es war so furchtbar, da sie selbst noch sehr jung war. Fünfzig Jahre ist einfach kein Alter, um zu sterben. Besonders, da sie sich vorgenommen hatte, einige unangenehme Dinge in ihrem Leben zu regeln. Es war für mich einfach nicht zu
begreifen, dass sie nun nicht mehr die Chance dazu hatte. Dann kommt dazu, dass ihr Tod so plötzlich war. Nach der erfolgreichen Operation hat niemand mehr von uns mit einem solchen Ausgang gerechnet. Nicht nur sie wurde aus ihrem Leben gerissen, sondern auch wir aus unserem bekannten, routinierten Leben. Für mich war klar, dass es auch kein zurück in das vorherige Leben geben konnte. Wie auch?
Ein Mensch, der einen so geprägt hat, ist für immer fort. Wie soll man da zurückfinden? Es gab also diese tiefe Schnittstelle, die das Leben in das Davor und das Danach teilte. Und das Davor gab es einfach nicht mehr. Man musste ganz neu lernen, sein Leben anzugehen und aufzubauen. In der Zeit danach standen ich und meine Schwester (sie war damals fünfzehn Jahre alt) jeweils ein Jahr vor unseren Schulabschlüssen. Aber wie soll man sich auf die bevorstehenden Prüfungen konzentrieren? Besonders dann, wenn einem alles unwichtig erscheint? Ich war nicht nur in einem Energiesparmodus, sondern in einem Überlebensmodus.
Ich weiß noch, dass besonders das erste Jahr so schwer war. Es hat einen immensen Kraftaufwand benötigt, um das Jahr zu überstehen. Denn alles fand zum ersten Mal ohne meine Mama statt: der Geburtstag meiner Schwester, die sechzehn
Jahre alt wurde, das erste Weihnachten, das erste Silvester, der eigentlich einundfünfzigste Geburtstag meiner Mutter, mein Geburtstag und Muttertag. Und auch ihr erster Todestag. Als der Mai 2010 anbrach, wurde ich schrecklich nervös.
Ich hatte Angst, dass das Gefühl des vergangenen Jahres genauso schlimm sein würde wie an dem Tag, an dem sie starb und ich die Nachricht erhielt. Wie ich aus dem Loch, in dem ich in diesem ersten Jahr steckte, kommen sollte, war mir einfach nicht klar. Ich war nicht mehr der Mensch, der ich vorher gewesen war. Ich glaube, das bin ich auch nie wieder geworden. Aber ich weiß, dass es mehr als fünf Jahre gedauert hat, bis ich das Gefühl hatte, mir wieder bekannt vorzukommen.

Bei meiner Oma war es etwas anders. Ich hatte mehr oder weniger vier Wochen Zeit mich darauf einzustellen, dass sie sterben könnte. Sie war an ihrem Ziel angekommen und sie gehen zu lassen war das Letzte, was wir für sie tun konnten.
Ein letzter Akt der Liebe sozusagen. Sie mit Maschinen am Leben zu erhalten, wäre in ihrer Situation eine Qual gewesen, die sie nicht gewollt und nicht verdient gehabt hätte. Trotzdem war ich sehr traurig, als sie nicht mehr da war. Ich stand
beispielsweise beim Bäcker und überlegte, einen Schmandkuchen mit Mandarinen zu kaufen und ihn ihr mitzubringen, weil sie diesen immer sehr gerne gegessen hatte. Da fiel mir siedend heiß ein, dass sie nicht mehr da war, um ihn zu essen. Ich hatte es wirklich ganz kurz vergessen. Das waren mit unter die Momente, in denen sie mir am meisten fehlte. Wir würden nie wieder zusammen sitzen, gemeinsam Kuchen essen und Kaffee trinken und mit ihr notgedrungen verschiedene Telenovelas auf ARD mitansehen müssen. Neben Tränen in den Augen hatte ich dann aber auch ab und an ein Lächeln auf den Lippen, wenn ich an diese Kaffeekränzchen vor dem Fernseher dachte.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich würde vielleicht nach einer Seelsorge oder einer Trauergruppe suchen, an die ich mich wenden und zu der ich gehen kann. Aber ich muss zugeben, dass ich rückblickend sagen kann, dass ich einiges für mich sehr richtig gemacht habe, wenn es um meine Trauer ging und heute noch geht. Trauer hört ja nicht einfach auf. Sie verschwindet auch nicht, sondern sie wird nur leichter zu tragen. Aber trotzdem kommt sie oft in Wellen zurück.
Ich habe mir beispielsweise Raum geschaffen und meine Trauer nicht verleugnet, verheimlicht oder zurückgehalten. Weder bei meiner Mama, noch bei meiner Oma.
Ich habe sehr schnell gemerkt, dass ich, besonders nach dem Tod meiner Mama, meine Tränen nicht steuern konnte. Die Trauer war durchgehend da und schrecklich stark, besonders zu Anfang. Da flossen meine Tränen ungebremst. Ich ließ ihnen auch freien Lauf, weil ich es wahrscheinlich sowieso nicht geschafft hätte, sie aufzuhalten. Und das habe ich auch gar nicht vorgehabt. Meine Mama war tot und ich sollte verstecken, dass mich das unendlich traurig macht? Das war für mich nicht möglich. Ich habe es mir also erlaubt, traurig zu sein und zu weinen. Ich habe dies auch meinen Freunden und Klassenkameraden gesagt und ihnen die Möglichkeit eingeräumt, sich zurückzuziehen, sollten sie es nicht aushalten können. Aber ich würde mir diesen Freiraum nehmen müssen. Ich kann bis heute sehr dankbar sein, dass ich dafür Verständnis erhalten habe.
Was man aber vielleicht auch sagen kann, ist, dass ich begriffen habe, dass Trauer vielseitig ist und mehrere Gesichter hat. So habe ich erst verstanden, wie viele unnormale Dinge man tut und wie normal diese in der Trauer sind. Ich habe
beispielsweise fast ein Jahr nicht in meinem Bett schlafen können, sondern schlief auf meiner Couch. Außerdem konnte ich nicht schlafen, wenn kein Licht brannte oder der Fernseher nicht lief. Ich konnte die Dunkelheit und die Stille nicht ertragen. Ich kann nicht sagen, wieso das so war, aber ich habe mich damals nicht gezwungen, normal zu sein und in meinem Bett zu schlafen. Zusätzlich merkte ich auch, dass ich über jeden Satz stolperte, den ich sprach, denn ich konnte mich einfach nicht genügend konzentrieren. Auch auf Kritik konnte ich nicht positiv reagieren. Sie konnte noch so konstruktiv gemeint sein, trotzdem verletze sie mich. Ich las auch keine Bücher mehr. Ich dachte mir, wozu soll ich noch irgendetwas lesen oder erleben? Schon morgen kann alles vorbei sein und dann ist es vollkommen egal, ob ich dieses oder jenes Buch gelesen habe oder nicht. Das Wissen über den Inhalt ist für immer verschwunden. Nichts ergab oder hatte mehr Sinn. Genauso ging es mir, wenn ich unnützes Zeug kaufte. Ich dachte, dass ich es brauchen würde, aber als ich es gekauft hatte, fragte ich mich, wieso ich das getan hatte. Was brauchte man eigentlich noch, wenn man wusste und gespürt hatte, dass alles vergänglich ist?
Nichts hatte mehr einen Wert.
Etwas, was ich aber neben meiner Trauer empfand und womit ich nie gerechnet hätte, war ein Gefühl der Schuld. Ich fühlte mich schuldig, wenn ich glücklich war und lachen musste. Ich fühlte mich schuldig, wenn ich etwas mit Freunden unternahm.
Und ich fühlte mich schuldig, weil ich noch am Leben war und meine Mama nicht.
Dann, etwa ein Jahr nach ihrem Tod, kam mir ein beinahe lebensrettender Gedanke: was wäre, wenn deine Mutter dich jetzt sehen könnte und wüsste, dass dir alles egal ist? Sie würde sicherlich sagen, dass ich grade alles hinschmeiße, auf das ich so lange hingearbeitet habe. Ich hatte die Realschule besucht und mir die Zulassung für die Oberstufe hart erarbeitet. Als ich in der 12. Klasse war, starb sie. Selbst mein Abitur war mir dann egal gewesen. Ich hatte es zwar schlussendlich absolviert, aber was ich nun mit meinem Leben anfangen wollte, war mir nicht klar und auch einfach
bedeutungslos. Aber auf einmal war da das Bewusstsein, dass ich mich nur dann wirklich schuldig fühlen müsste, wenn ich meine Lebenszeit und die Errungenschaften, die ich mir erarbeitet hatte, nicht völlig nutzen und schätzen würde. Ich konnte nichts an dem ändern, was geschehen war, aber ich konnte entscheiden, wie ich mit all dem umgehen würde. Es war mir nun mehr als vorher klar, dass es ein Privileg ist, gesund und am Leben zu sein. Und nach dem ersten Jahr, in dem ich mich in diese tiefe Trauer eingeschlossen hatte, folgten die Jahre der Genesung. Ich fing beispielsweise wieder an, Bücher zu verschlingen und mit Freude Pläne zu schmieden. Sowohl das Verharren in der Trauer als auch der Weg
daraus waren Teil des Trauerprozesses. Ich weiß, dass jedes Gefühl und jede Handlung während meiner Trauer in Ordnung waren und alles seine Berechtigung hatte. Nur so hatte ich die Chance, dass dieser Verlust irgendwann leichter zu ertragen sein würde.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Ich hatte zum Glück einen verständnisvollen Partner, Familie und viele Freunde und Freundinnen, die immer wieder versucht haben, mich aufzumuntern. Sie haben mir aber gleichzeitig auch die Möglichkeit gegeben, über meinen Verlust und meine Trauer zu reden. Auch die Lehrer und Lehrerinnen in meiner Schule haben mich unterstützt und mich immer wieder gefragt, wie es mir und meiner Familie geht.
Und wie schon gesagt, hat es mir auch sehr geholfen, meiner Trauer Raum zu geben.
Ich habe außerdem immer wieder über meine Mutter und über meine Oma gesprochen. Oft über die schönen Dinge, die ich mit ihnen zusammen erlebt habe.
Sie sollten nicht ganz aus meinem Leben verschwinden, sondern ein Teil dessen bleiben. Beide waren doch mehr, als nur ihr Sterben und ihr Tod.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Diese Frage habe ich mir selbst erst vor kurzer Zeit gestellt. Ich war auf der Beerdigung einer Frau, die genauso alt war wie meine Mutter und die ebenfalls zwei Kinder hatte. Ich habe mich gefragt was ich den beiden gerne einzeln gesagt hätte.
Vielleicht würde ich etwas Ähnliches wie das hier sagen: „Ich möchte, dass du weißt, dass ich weiß, wie du dich fühlst. Du bist mit deiner Trauer, deiner Angst und jedem Gefühl, das du hast, nicht alleine. Ich würde dir gerne sagen, dass alles besser werden wird. Und das wird es auch. Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war.
Aber es wird dir wieder gut gehen. Und das braucht Zeit. Nimm dir diese Zeit und nimm dir den Freiraum, den du brauchst. Und denk daran, dass alles was du in der kommenden Zeit tust, normal ist. Das Weinen, genauso wie das Lachen und alles, was dazwischen ist.“

Wie denkst du heute über deine Mutter und deine Großmutter und ihren Tod?

Ich muss in diesem Jahr oft daran denken, dass meine Mama im kommenden Jahr zehn Jahre tot ist. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass die Zeit einfach weiter läuft. Aber da ist sie ziemlich unbarmherzig. Es hat sich einiges in den vergangenen Jahren getan und verändert. Ich weiß nicht, wo die zehn vergangenen Jahre hin geflossen sind.
Ich glaube, ich bin durch den Tod meiner Mama endgültig zur Erwachsenen geworden. Ob ich nun bereit dafür war oder nicht. Wenn man seine Mama beerdigen muss, ist man kein Kind mehr. Ich glaube auch, dass ich über das Leben und das Sterben und über alles, was noch so dazwischen stattfinden soll, intensiver nachgedacht habe. Was möchte ich in meinem Leben gerne machen? Und wie lange sollte ich warten, bis ich all das in Angriff nehme? Auf einmal wieder einen Sinn in allem zu sehen, war wunderbar.
Als es mir besser ging, fragte ich mich außerdem, ob ich mich mit dem, was ich erlebt habe, für andere einsetzen und eine Hilfe sein kann. Ich kam mehr und mehr auf die Idee, ehrenamtlich in einem Hospiz zu arbeiten. Als dann meine Oma starb und ich mich, während sie im Sterben lag, von ihr verabschiedete, ihr einen Kuss gab und ihre Hand hielt, wusste ich, dass die Arbeit in einem Hospiz nicht nur wichtig für andere sein könnte, sondern dass sie mir auch unglaublich viel geben könnte. Ab Januar 2017 war ich dann in der Ausbildung zur Ehrenamtlichen für das St. Elisabeth-Hospiz in Marburg und seit Mitte desselben Jahres arbeite ich auch als Ehrenamtliche dort. Und ja, es gibt mir unglaublich viel und ich weiß, dass allein meine Anwesenheit für andere eine Hilfe ist.
Es ist schön zu sehen, dass Verluste auch Perspektiven schaffen können, dass man Schmerz aufarbeiten und dass Trauer einen reifen und wachsen lassen kann. Sie ist ein Anlass, sein Leben wieder mit Wertvollem und Schönem zu füllen.

Wie hat dich der Tod deiner weiblichen Vorfahren verändert?

Ich kann es an dieser Stelle nur wiederholen: ich habe aufgehört ein Kind zu sein.
Das heißt nicht, dass ich nicht meine kindischen Momente habe. Aber meine Mama und meine Oma haben einen großen Teil meiner Kindheit ausgemacht und nach ihrem Tod fühlte es sich so an, als seien die Brücken zu meiner Kindheit
abgebrochen. Man wird selbstständiger und sieht viel öfter den Ernst im Leben.
Aber hauptsächlich wollte ich viel von dem, was meine Mama und meine Oma ausgemacht haben, in mir aufnehmen, damit nicht alles von ihnen mit ihrem Tod verloren geht. Ich habe darüber nachgedacht, was ich einerseits vielleicht genauso machen möchte wie sie und was sich andererseits bei mir nicht wiederholen soll.
Aber was ich hoffe, ist, dass viel von ihrer Stärke und ihrer Liebe in mir sind.

…was möchtest du den beiden gerne noch mitteilen?

Es gab mal ein Video zum Muttertag. Da wurde ein Bewerbungsgespräch über Skype fingiert. Verschiedene Bewerber hatten sich auf eine erfundene Stellenanzeige gemeldet. In diesem Gespräch wurden sie mit Informationen über diesen Job bombardiert, die vermeintlich unzumutbar waren. So wäre Schlaf nur möglich, wenn der Auftraggeber gegessen habe und selbst schlafen gehe. Die Arbeitszeit betrage vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche. Und das ganz
ohne Bezahlung. Die Bewerber waren allesamt schockiert und meinten, dass niemand diesen Job wirklich machen wollen würde. Als ihnen gesagt wurde, dass es auf der ganzen Welt Menschen gebe, die diesen Job jeden Tag machen würden,
konnten sie das kaum glauben. Auf die Frage, ob man wisse, wer diese Personen wohl sein mögen, wussten sie keine Antwort. Dann wurde ihnen mitgeteilt, dass es sich dabei um Mütter handle. Mir kamen die Tränen, weil in mir Erinnerungen hochkamen, wie oft meine Mama beispielsweise nachts wach blieb, wenn ich nicht zu Hause war, um mich ggf. irgendwo abzuholen. Ich erinnerte mich auch daran, wie oft ich Angst vor einer Klausur in einem Fach hatte, das mir einfach nicht lag. Sie nahm mich dann in den Arm, sprach mir Mut zu und sagte, dass sie stolz auf mich sei und dass sie wisse, wie viel ich gelernt habe.

Mir ist klar geworden, wie viel du eigentlich als Mama für mich getan hast und wie dankbar ich für all das bin.

Das wird einem aber meistens erst dann klar, wenn die Person, der man danken möchte, nicht mehr da ist.

Und auch meine Oma fehlt mir bis heute sehr. Manchmal denke ich während einer Autofahrt an sie. Sie war nicht so überzeugt von meinem Fahrstil, was öfters zu Diskussionen im Auto führte. Manchmal, wenn ich heute unterwegs bin, schnell fahre oder überhole, stelle ich mir vor, was sie jetzt wohl dazu sagen würde. Und dann muss ich lachen. Auch konnte sie sich nicht mit meinen Piercings anfreunden.
Besonders mein Septum, ein Piercing durch die Nasenscheidewand, war für sie ein Graus.

Ich erinnere mich gerne an die Spaziergänge mit dir, an das Gemüse und die Kräuter aus deinem Garten… und an die Nachmittage, an denen wir zusammen Kuchen aßen.


Saskia lebt in der Nähe von Marburg in Hessen. Dort studiert sie Kunstgeschichte im Masterstudiengang an der Philipps-Universität. Außerdem hat sie sich an der Akademie Deutsche POP in Frankfurt a. M. zur Sprecherin und Texterin ausbilden lassen.
Seit Mitte 2017 arbeitet sie ehrenamtlich im St. Elisabeth-Hospiz in Marburg.