Interview: Marco* (58)

Marco* und Jacob* haben 23 Jahre gemeinsam gelebt und geliebt. Dann verstarb Jacob an einer schweren Lungenerkrankung, obwohl beide große Hoffnung auf Heilung hatten. Seitdem steht die Welt für Marco still und es ist schwer, wieder in den Alltag zu finden.

Was für ein Mensch war Jacob, dein Mann?

Jakob war 61 Jahre alt, als er gestorben ist. Er war ein Lebenskünstler und hatte eine große Anziehungskraft auf andere Menschen. Er war voller Ideen und immer aktiv. Und seine große Leidenschaft war das Reisen. Mehrmals im Jahr bereiste er die Welt und arbeitete als Senior Expert. Seine letzte Reise machte er nach Kenia, während er schon mit seiner Krankheit kämpfte.

Welche Bedeutung hatte Jacob in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Jacob und ich lernten uns vor 23 Jahre im Urlaub kennen und lebten seitdem zusammen. Vor 16 Jahren haben wir in den Niederlanden geheiratet. Wir lebten eine intensive und eine sehr auf uns fixierte Beziehung. Wir waren immer miteinander in Kontakt, selbst wenn Jacob auf Reisen war; dank der modernen Technik wie Skype, WhatsApp und Telefon. Er war mein Zuhause, meine Zukunft. Und für mich war klar, dass wir zusammenbleiben, bis dass der Tod uns scheidet.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Jacob starb vor etwa zehn Monaten; zu diesem Zeitpunkt war ich 57 Jahre alt. Jacob kämpfte Jahre mit seiner Krankheit und zuletzt verbrachte er viele Wochen im Krankenhaus und auf der Intensivstation, wo ich jeden Tag viele Stunden bei ihm verbrachte, um ihm zur Seite zu stehen. Die letzten Tage seines Lebens lebte er im Hospiz, wo er ruhig und (hoffentlich) ohne Angst in meinen Armen aufhörte zu atmen. Ich bin dankbar, dass ich ihn in dieser für ihn, für mich und für uns schwierigen Zeit begleiten und ihn bis zum Schluss unterstützen durfte.

Während seiner Krankheit war uns bewusst, dass die verbleibende gemeinsame Zeit für uns stark limitiert war und sein Tod immer schneller kommen würde. Die Hoffnung auf Genesung war bei Jacob jedoch so groß, dass wir den Gedanken, dass er uns bald verlassen würde, nicht zugelassen haben. Ab und an besprachen wir praktische Dinge, was ich zu tun hätte, falls er sterben würde. Aber in unseren Köpfen war für diese Möglichkeit kein Platz. Umso heftiger traf mich dann sein plötzlicher Tod.

Woran ist er gestorben?

Jacob ist an einer schweren, unheilbaren Lungenerkrankung verstorben. Im Internet sammelten wir alle Informationen, um diese Krankheit und die eventuellen Heilungschancen zu verstehen. An vielen Stellen war zu lesen, dass die Lebenserwartung bei Patienten mit dieser Erkrankung nur bei zwei bis fünf Jahren nach der Diagnose liegt; Jacob starb bereits nach zwei Jahren.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Die Vorstellung, dass der Mensch, mit dem ich so lange zusammengelebt habe, plötzlich nicht mehr physisch anwesend ist und ich ihm nicht mehr in die Augen schauen kann, hat mich umgehauen und haut mich immer noch um. Ich habe Angst, den Klang seiner Stimme zu vergessen, nicht mehr zu wissen wie sich seine Haut anfühlt, den Duft seines Körpers zu vergessen, ihn nicht mehr in den Armen halten zu können. Ich glaube, ich habe es noch nicht geschafft, damit umzugehen. Mein Leben ist mit Jacobs Tod stehen geblieben und alles um mich rum dreht sich weiter. Nur so langsam fasse ich wieder Fuß im Alltag und nehme wieder Fahrt auf.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Wahrscheinlich würde ich heute alles anders und doch genauso machen!

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Unbeschreiblich dankbar bin ich meiner Schwester, dass sie mir vor und nach dem Tod von Jacob beigestanden hat und es noch immer tut. Ohne sie hätte ich diese schwere Zeit nicht durchgestanden. Sie war für mich eine Stütze, die ich jedem nur wünschen kann, der in solch einer Situation ist.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Ich würde ihm sagen, dass er oder sie mit vertrauten Menschen über den Tod, die Trauer und den Verlust offen reden soll. Es ist hilfreich, sich andere Menschen zu suchen, die einem zuhören und denen man mit seiner Trauer auch mal auf die Nerven gehen kann. Das können Familienmitglieder oder Freunde sein, aber auch Trauerbegleiter und vor allem Gleichgesinnte in einem Trauer-Gesprächskreis.

Wie denkst du heute über deinen Mann und seinen Tod?

Immer wieder frage ich mich, ob ich alles richtig gemacht habe und ob Jacob, als er gestorben ist, litt oder sogar Angst hatte. Viele Menschen sagten mir, dass sein Tod eine Erlösung war. Ich sehe Jacobs Tod nicht als Erlösung. Jacob wollte noch nicht gehen! Auch wenn durch seine Krankheit seine Lebensqualität stark eingeschränkt war, so hatte er noch Pläne und wollte mit mir zusammen alt werden.

Wie hat dich der Tod von Jacob verändert?

Mein Blick auf das Leben, meine Mitmenschen und die Dinge hat sich verändert. Mit dem Tod von Jacob ist mir die Endlichkeit meines und unseres Lebens bewusst geworden. Vieles, was mir noch vor Kurzem wichtig erschien, hat plötzlich keine Bedeutung mehr und ist unwichtig. Und ich habe meine Angst vor dem Tod verloren.

Lieber Jacob, ich bin sehr dankbar, dass ich die vielen Jahre mit dir verbringen durfte, dass du 23 Jahre an meiner Seite standst. Ich hoffe, du vergibst mir meine Fehler, die ich gemacht habe, dass ich manchmal ungeduldig und ungerecht zu dir und zu uns war. Ich habe dich unendlich geliebt und liebe dich noch immer.

*Namen geändert