Interview: Claudia (48) aus Marl

Claudia (48) erzählt von ihrem geliebten Mann, der nach fast 2 Jahren geschenkter Lebenszeit im April 2013 an Magenkrebs verstarb. 

Was für ein Mensch war der Verstorbene?

Mein Mann war Einzelkind und stand im starken Fokus seiner Eltern. Leistung erbringen und kämpfen (um Ansehen, Beruf, Geld, Familie, Figur etc.) war ihm anerzogen worden. Er war eher ernst, zielorientiert und sehr loyal. Ein absolut zuverlässiger Mensch, ein treuer Freund, guter Kollege und auch guter Vorgesetzter. Jemand, der zu seinem Wort stand. Er ging immer bis an seine Grenzen, für sich selbst und auch für seine Familie und Freunde, im Beruf und auch im Sport. Leider konnte er seine Gefühle schlecht zeigen, also eher ein typischer Vertreter der „männlichen Sorte“.

Welche Bedeutung hatte dein Mann in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Ich habe meinen Mann mit 17 Jahren kennen- und lieben gelernt. Er war meine „zweite Hälfte“, mein „Traummann“. Wir sind zusammen erwachsen geworden, fast alle Erinnerungen, die ich an mein Leben bis zum meinem 44. Geburtstag habe, sind mit ihm. Wir haben das Leben einer sogenannten „deutschen Traumfamilie“ gelebt. Er war für mich „alles“ – Freund, Ehemann, Vertrauter, Streitpartner, Geliebter, Berater und noch mehr. Er war derjenige, der mich am besten kannte, mit all meinen Fehlern und Vorzügen. Unsere Ehe war durch allen Höhen und Tiefen gekennzeichnet, die Liebe war tief.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Ich war noch 43 Jahre alt, als er im April 2013 starb. Den letzten Abend haben wir gemeinsam auf unserer Couch verbracht und wir haben den Film „Wie im Himmel“ geschaut. Instinktiv habe ich gefühlt, dass ich ihn nicht ins Krankenhaus „geben darf“ und habe Zuhause alles für seinen „friedlichen und lichtvollen Übergang“ vorbereitet. Er ist Zuhause in meinen Armen gestorben. Unsere gemeinsame Tochter (damals noch 13 Jahre alt) und seine Eltern waren bei uns, auch meine Eltern. Ich habe Klaviermusik von Mozart spielen lassen, Kerzen und Räucherstäbchen angezündet. Es war als wenn seine Seele sich stückchenweise aus seinem Körper löste und davon schwebte. Ganz ruhig und friedlich, kein Kampf, keine Schmerzen. Meine letzten Worte an ihn waren: „ich weiß, dass du nicht weg von uns gehst, du gehst nur vor. Ich gebe dich aus unserem Versprechen frei (gemeinsam alt zu werden) und lasse dich in Liebe gehen.“ Er konnte schon nicht mehr sprechen und tippte sich auf die Nase, dann formte er mit seinem Daumen und seinem Zeigefinger ein „L“ und zeigte auf mich.

Woran ist er gestorben?

Mein Mann lebte immer gesund, er rauchte nicht, trank nicht und machte viel Sport. Daher traf uns seine Diagnose, die er im Juli 2011 erhielt – Magenkrebs mit Metastasen in der Leber – wie ein Schlag. Sie gaben ihm noch 3 Monate. Gott sei Dank waren es dann noch fast 2 Jahre, die wir mit ihm leben durften. Es war keine Leidenszeit, sondern geschenkte Lebenszeit, was bei der Diagnose überhaupt nicht zu erwarten war.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Mir war als wenn ein Teil von mir wegbrach und es fühlte sich oft sogar so an, als wenn es mehr als nur die Hälfte war. Ich wusste nicht mehr, wer ich ohne ihn war. Musste erst mal wieder herausfinden, was meine innersten Wünsche und Leidenschaften waren. Unsere gemeinsame Tochter war meine „erste Überlebenshilfe“. Ich stellte mir die Frage, wäre ich ohne sie hier geblieben? Ich fiel bis auf meinen Seelengrund, hatte Angst meine Lebensfreude zu verlieren. Aber sie ging nicht verloren, sondern war nur von der dicken, schwarzen Trauerdecke zugedeckt worden. Ich gestattete mir, all die noch so kleinen wieder entdeckten Wünsche zu leben und siehe da, es taten sich Löcher in der Trauerdecke auf. Wie kleine Nadelstiche, durch die wieder Licht in mein Leben fiel. Und es wurden immer mehr, je besser ich meine Gefühle annahm und auslebte, je mehr ich wieder „ich“ wurde, desto größer wurden die Lichteinfälle.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Da ich direkt wieder arbeiten „durfte“ und dadurch ganztags berufstätige Alleinerziehende war, ein eigenes Haus „in Schuss halten musste“, meinen pflegebürftigen Vater mit Haus hatte und auch meine Schwester zur gleichen Zeit an Krebs erkrankte, habe ich das erste Jahr nur „funktioniert“. Das Trauern fand im Auto auf dem Weg zur oder von der Arbeit statt oder nachts alleine im Bett. Gerne hätte ich mir für dieses extreme Gefühl mehr Zeit genommen.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Ich habe mich nach dem Übergang meines Mannes mit Sterbebegleitung und dem Tod beschäftigt, habe viele Bücher darüber gelesen (Kübler-Ross, Jacoby, Neal Donald Walsh etc.), dadurch gewann ich eine andere Einstellung zum Tod. Außerdem hatte ich das Glück mehrere ebenfalls „jung verwitwete“ persönlich kennen zu lernen und wir konnten uns ehrlich und ohne „Maske“ zeigen und mit einander austauschen. Auch die Chats in Selbsthilfegruppen im Internet wie z.B. „Jung verwitwet“ haben mir geholfen, das Schicksal anzunehmen. Mein Vorsatz, dass wenn ich schon hier bin und „überlebt“ habe, dass ich auch ein selbstbestimmtes und glückliches Leben führen möchte, hat mir ebenfalls geholfen.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Es gibt „moderne“ Trauerliteratur (z.B. „Lebe, liebe, lache von Christina Rasmussen) und in Großstädten auch gute „Trauergruppen“. Mit jemandem zu reden, der Ähnliches erlebt hat, hilft. Ich empfehle, nicht „wegzufühlen“, sondern genau hinzufühlen. Auch wenn der Trauer“berg“ einem sehr hoch erscheint, die Aussicht nach dem Erklimmen ist großartig. Die Trauer ist eine enorme Energie, die uns auch helfen kann, wieder „ins Leben“ zu finden.

Wie denkst du heute über den Verstorbenen und seinen Tod?

Das Erstaunliche ist, ich verstehe meinen Mann heute (trotz der vorher gemeinsamen langen Zeit, die wir gemeinsam hatten) besser. Ich bin ihm näher, als je zuvor. Ich habe gelernt, dass die Liebe nicht stirbt. Sie wird noch tiefer und reiner, frei von allen Alltagssorgen. Ich weiß nicht, ob wir bis ins hohe Alter als Ehepaar zusammen geblieben wären, aber ich weiß, dass nun seine Liebe für immer bei mir ist. Ich denke, jeder geht seinen ganz eigenen, persönlichen Weg und wir dürfen oft ein Stück gemeinsam gehen, doch letztendlich treffen wir selbst aus dem Unbewussten (unserer Seele?) heraus die Entscheidungen, die den Verlauf des Lebens bestimmen. Das Leben und auch der Tod bleiben ein Wunder.

Wie hat dich der Tod deines Mannes verändert?

Ich war früher ein absoluter Kopfmensch, es gab aus damaliger Sicht nichts, was man nicht mit dem Verstand lösen konnte. Heute weiß ich, dass auf viele Fragen nur das Herz eine Antwort hat. Ich bin mit meinen Gefühlen im Reinen, sie stehen an erster Stelle. Mein Leben (unser Leben) war früher häufig mit vielen Alltagsproblemchen belastet und oft oberflächlich, sehr schnelllebig. Das ganze Jahr war nur auf den Urlaub „ausgerichtet“, der Rest wurde abgearbeitet. Sein Tod hat mir das Leben gezeigt. Ich mag nichts mehr langfristig planen, weiß, dass Sicherheit nur eine Illusion ist. Ich bin sehr demütig und dankbar geworden, freue mich über sogenannte „Kleinigkeiten“. Geld und Statussymbole haben ihren Wert verloren, das Zusammensein mit Familie, Freunde und mit mir selbst ist mir heute das Wichtigste.

 

Claudia (48)

Claudia ist 48 und lebt mit ihrer Tochter im gemeinsamen Haus in Marl (NRW). Den wunderschönen Schwimmteich hat ihr Mann noch während seiner Krankheit angelegt. Claudia arbeitet als Management-Assistentin in einem Chemieuntenehmen und liebt es, ihre Freizeit mit ihrer Tochter, der Familie und neuen und alten Freundn zu verbringen. Seit 9 Monaten hat sie wieder einen neuen Partner. „Ein wundervolles Geschenk, eine neue Liebe fühlen zu dürfen.“

Claudia liebt Musik als Weg zu ihren Gefühlen und tanzt gern. Sie ist sehr an alternativen Heilmethoden interessiert, hilft gerne anderen Menschen und möchte dies irgendwann auch beruflich tun. „Allerdings plane ich ja nicht mehr, sondern lasse dem Leben seinen Lauf.“

Kein Kommentar

  • Große Büning

    Liebe Claudia,

    ich bin kein Schreiberling aber ich versuche es.

    Im November 2015 durfte ich Dich kennen lernen. Auf einer kleinen Wanderung an und um Loemühle, mit mehreren verwitweten Personen, eben einen Teil dieser von Dir beschriebenen Personen.

    Sehr vieles von dem was Du über das Leben mit Deinem Mann im Interview anschneidest und beschreibst trifft auch auf meine verstorbene Frau und mich zu. Der Verlust und tiefe Fall nach dem Tod von unseren lieben Ehepartnern ist kaum beschreibbar. Und dann, dann passiert folgendes:
    Du lernst auf einmal Menschen kennen die dir im Leben nicht begegnet wären.

    Es tut gut Menschen wie Dich zu treffen, sich auszutauschen, gemeinsam die Tränen laufen zu lassen und sich derer nicht schämen zu müssen.
    Es tut gut mit diesen ebenfalls betroffenen Menschen und Dir wieder lachen zu dürfen ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.
    Es tut gut zu wissen, dass man mit seinem Schmerz und seiner Trauer nicht alleine ist und es verständnisvolle, vor allem betroffene Menschen gibt, die schon länger verwitwet sind und einem wieder Mut machen, einen in den Arm nehmen und Perspektiven aufzeigen.
    Es tut gut………..

    All das und noch viel mehr ist es, was mir nach dem Tod meiner Frau Ulla als positives widerfahren ist. Ich war mit meiner Trauer nicht mehr ganz allein.

    Wir schauen in Liebe und Dankbarkeit zurück und haben die Liebe die sie uns gegeben haben in unseren Herzen.

    Alles Liebe und Gute wünscht Dir

    Dieter

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