Interview Michaela (43)

Interview: Michaela (43) aus Österreich

Michaela* (43) erzählt von dem viel zu frühen Tod ihres geliebten Lebensmenschen und Ehemannes, der fünf Monate nach der Diagnose Leukämie aufgrund eines Fehlers der Ärzte an Aspergilluspneumonie verstarb. 

Was für ein Mensch war dein Mann?

Ein ruhiger, stets freundlicher Mensch, der nie über irgendjemanden etwas Schlechtes gesagt hat. Fleißig und zielstrebiger Unternehmer.

Welche Bedeutung hatte er in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Er war mein Lebensmensch, dem ich dankbar war und bin, dass wir fast 15 gemeinsame Jahre miteinander erleben durften. Er war mein Ehemann, mein Freund, mein Anker. Wir hatten eine gute, ehrliche Partnerschaft mit gegenseitigen Freiräumen, jeder konnte auch alleine/mit Freunden etwas unternehmen und die gemeinsame Zeit war wertvoll – schon zu seinen Lebzeiten.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Er ist 13 Tage vor meinem 40. Geburtstag am 11.08.2013 um 11:50 Uhr gestorben. Die Erinnerung an seinen Tod bzw. sein Sterben ist heute noch eine Belastung. Es kam mir auf der Intensivstation vor als hätte ich ein Dejavue – Für mich war er unsterblich, ich wollte nicht wahrhaben, dass er sterben könnte/würde.

Woran ist er gestorben?

Diagnose Leukämie am 06.03.2013 – verstorben wegen ärztlichen Versagens an einer Aspergilluspneumonie (mittlerweile von einem gerichtlichen Gutachter bestätigt).

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Das Schlimmste war diese Machtlosigkeit, dass Du daneben stehst und zuschauen musst/darfst. Zu sehen wie schnell das Leben vorbei sein kann und die Tatsache, dass ich ihn in diesem Leben nicht wiedersehen werde. Ich wollte nicht mehr leben, hab das auch ganz klar zu meiner Familie gesagt, die mich dann natürlich nicht mehr aus den Augen gelassen hat. Zu Weihnachten 2013 wollte ich meinem Leben dann endlich ein Ende setzen. Mein Sohn (damals 21 Jahre alt) hat mich dabei überrascht und mir folgendes gesagt: „Du bist so ein Arschloch, Du denkst nur an Dich. Was glaubst Du was mit mir ist, Du lässt mich ganz allein – und ich hab doch nur noch Dich.“ Diese Worte waren es, die mich „wachgerüttelt“ haben. Es folgten Monate der Psychotherapie nach Viktor Frankl, Yoga und schließlich die Gründung eines Vereines für jung verwitwete Menschen: „Mein Anker“.

Was hättest Du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Nichts, ich bin der Meinung, dass es so wie es ist oder war mein Weg war/ist mit der Trauer leben zu lernen

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Geholfen haben mir sehr gute Freunde (NICHT die eigene Familie), mein Sohn und dessen Freundin sowie meine Psychotherapeutin. Bei diesen Menschen durfte ich lachen, weinen, schreien, alles sagen was mir auf der Seele lag. Auch Pascal Voggenhuber, den ich persönlich kennenlernen durfte, hat mir Mut gemacht. Ein aus Indien stammender Veden-Gelehrter hat mich auf meinen spirituellen Weg geführt.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

„Ich fühle mit Dir“ ist das erste, was mir einfällt. Später vielleicht etwas, das Frau Christine Pernlochner von Trauerforum Aspetos zu mir gesagt hat: „Auch wenn Du es jetzt nicht glauben kannst, es wird ANDERS werden“. Dieses ANDERS war genau meins. Mein Leben konnte ich nicht mehr zurückhaben und es musste alles ANDERS werden, denn ich wollte auf keinen Fall, dass mein Leben so weitergeht. Die WICHTIGSTE Person ist nicht mehr hier und darum musste alles ANDERS werden. Die Sätze, die ich am meisten gehört habe, waren: „Du musst LOSLASSEN“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“. LOSLASSEN heißt ANNEHMEN und die Zeit heilt KEINE Wunden, sie lehrt uns nur mit dem Geschehnis umzugehen.

Wie denkst du heute über deinen Mann und seinen Tod?

Auch nach 3 Jahren kann ich mich mit seinem Tod nicht anfreunden, ich habe seinen Tod mittlerweile zwangsgedrungen akzeptiert, aber ich vermisse meinen Mann immer noch und er fehlt – bei jedem Geburtstag, Hochzeitstag, Familienfeiern usw. Ich denke jeden Tag an ihn, ich halte Zwiesprache mit ihm – dazu brauche ich aber nicht den Friedhof. Ich bin dankbar für das, was er mich gelehrt hat, und bei wichtigen Entscheidungen frage ich mich was er dazu gesagt hätte oder gemacht hätte. Er ist präsent in meinem Leben.

Wie hat dich der Tod deines Mannes verändert?

Ich mag keine oberflächlichen Menschen mehr um mich, ich tue nichts, was mir Unbehagen verursacht, nur weil es jemand anderes will oder „weil man das so macht“. Ich hinterfrage mich, meine Handlungen und auch die der anderen. Ich lebe MEIN LEBEN und gehe nicht mit der Masse, es ist mir egal was andere über mich denken oder reden. Ich sage offen was ich denke oder fühle, es gibt für mich keine halben Sachen mehr – GANZ oder gar nicht. Für mich ist es wichtig, dass etwas Sinn macht, Geld hat keinen hohen Stellenwert mehr, wir können NICHTS Materielles mitnehmen, wenn wir unsere letzte Reise antreten…


Michaela* ist 43 Jahre alt und Mutter eines 24-jährigen Sohnes. Die Beamtin lebt und arbeitet in Österreich. Seit drei Jahren ist sie Witwe. 

*Michaela möchte gerne anonym bleiben, deshalb wurde ihr Name geändert.