Geständnis einer Trauernden – Warum es immer weiter geht

Dein Tod und ich ist für mich ein absolutes Herzensprojekt. Es soll das Leben von Trauernden verändern, vielleicht sogar zum Positiven. Es soll zu einem Ort werden, wo die Trauer und der Tod einen Platz bekommen. Einen schönen. Einen außergewöhnlichen. 

Ein Ort, wo man über alle Facetten der Trauer sprechen kann: die traurigen, die schönen, die wütenden, die verzweifelten, die einsamen und die lebensverändernden.

Ich wünsche mir tief im Innern nichts mehr, als mich um diese Plattform zu kümmern. Dennoch ist der letzte Blogbeitrag mehr als drei Monate her. Das letzte Interview ist im September online gegangen.

Warum ist das so?

Einen ganzen Nachmittag hat es gedauert, eine Antwort darauf zu finden. Oder zumindest den Versuch einer Antwort.

Ich möchte meine Erkenntnisse gerne mit Euch teilen – in der Hoffnung auf Euer Verständnis, warum die Beantwortung Eurer Email vielleicht gerade etwas länger dauert oder warum ich mich zu Eurem Interview noch nicht zurückgemeldet habe.

Ich glaube, dass es vielen so geht, deshalb will ich ganz ehrlich sein:

Ich habe Angst. 

Angst, dass ich mit all den Gefühlen, die der Tod bei mir auslöst, vielleicht doch nicht umgehen kann. Angst, dass ich den Erwartungen meiner Leser und Interviewpartner nicht gerecht werde. Angst, dass ich mit diesem Trauerprojekt etwas falsch mache.

Angst, dass meine eigene Trauer mich wieder überrollt. So wie damals.

The same procedure, the same procedure, the same procedure

Ich glaube, es ist die Angst, die jeder Trauernde kennt: Die Angst, die Kontrolle über die eigenen Gefühle zu verlieren. Nicht mehr zu wissen, wo oben und unten ist. Voll hineinzuspringen in den Pool aus Schuld, Trauer, Dankbarkeit, Freude, Wut und Angst. Ob man will oder nicht: Die Trauer hat einen eigenen Drive. Sie platzt mitten rein in unser Leben – ob wir das jetzt gut finden oder nicht, ob wir sie gerade gebrauchen können, oder nicht.

Doris ist tot. Meine Trauer ist es nicht.

Wird es vielleicht auch nie sein. Mit der Trauer ist man nie ganz fertig. Sie besucht einen immer wieder. Nur nicht mehr so oft, so lange und so intensiv wie früher.

Die Trauer wird zur Narbe. Sie erinnert uns an den Schmerz. Lässt uns nie vergessen, was oder wen wir verloren haben. Wie verletzt und hilflos wir waren.

Warum die Trauer auch etwas Positives hat

Meine Trauer ist immer da, aber sie ist keine offene Wunde mehr. Kein gebrochenes Herz, das wieder geflickt werden will. Ich habe gelernt, weiter zu atmen, obwohl ich traurig bin, weiter zu leben, auch wenn es manchmal scheiße läuft. Ich habe gelernt, das Beste aus dem zu machen, was ich habe, nicht feige wegzurennen, wenn die Trauer wiederkommt, sondern mich meiner Angst davor zu stellen. 

Und ich habe erfahren, welche positiven Dinge mit meiner Trauer und diesem Trauerprojekt verbunden sind: Die unglaublich berührende Begegnung mit mir völlig fremden Menschen, die mich an ihrer persönlichen Geschichte Anteil haben lassen.

Das Gefühl und die Bestätigung, anderen Betroffenen mit meiner Geschichte und dieser Website vielleicht ein bisschen helfen zu können.

Doris’ Tod nicht sinnlos sein zu lassen, sondern die Erinnerung an sie und ihren bewundernswerten Umgang mit dem Tod hochzuhalten. Immer mit der einen Botschaft:

Wenn ein 11-jähriges Mädchen den Mut hat, sich dem Tod zu stellen, dann kannst Du das auch.

Deshalb gibt es heute diesen Blogbeitrag: Für Euch und für mich. Für jeden, der gerade das Gefühl hat, nicht zu wissen, wo oben und unten ist. Für alle, die im Moment von ihrer Trauer überrollt werden. Für alle, die Angst haben, weil sie nicht wissen, wie sie jemals mit dem Schmerz weiterleben sollen.

Für alle, die gerade Trost brauchen. Oder einfach nur das Gefühl, dass sie nicht alleine sind mit dem ganzen Scheiß. Dass es selbst mir nach über 20 Jahren nicht anders geht: Ich weiß nicht, wann die Trauer wieder vor meiner Tür steht. Ob ich wieder die Kraft haben werde, sie anzunehmen und nicht vor ihr wegzurennen. Ich weiß nicht, ob sie jemals ganz weg sein wird.

Aber was ich weiß, ist das: Ich werde immer wieder auf’s Neue versuchen, mich zu trauen – trotz und mit der Trauer.

Für Doris und für Dein Tod und ich.


Welche Erfahrungen hast Du mit Deiner Trauer gemacht?
Kennst Du die Angst, dass Sie vielleicht nie aufhören wird? 

Ich freue mich auf Deinen Kommentar!
© Foto: Judith Peller

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