Was für eine Woche oder: Das Mädchen von Seite 18

Letzte Woche war eine sehr besondere Woche für mich. Und ganz besonders für Dein Tod und ich. Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich meine Gedanken dazu gesammelt habe. 

Die neue Frauenzeitschrift BARBARA ist erschienen.

Und mit ihr das erste Interview meines Lebens. Oder besser das erste Interview über mein Leben. „Das erste Mal jemanden verlieren“ war das Thema des Artikels, bei dem ich als eine von sieben Betroffenen meine Geschichte erzählen durfte. Ich kann es immer noch nicht glauben.

Eine ganze Seite. Doris. Und ich. Riesig.
Professionell geschminkt und gestylt.

BARBARA Judith

In meinem früheren Job als Pressesprecherin habe ich schon einige Interviews gegeben. Manchmal stand ich dabei auch vor einer Kamera. Insgesamt eine vertraute, wenn auch immer wieder sehr surreale Situation.

Dieses Mal war alles anders.

Dieses Mal ging es nicht um irgendein Produkt, das ich anpreisen sollte oder ein Unternehmen, das ich ins bestmögliche Licht rücken musste. Dieses Mal ging es darum, zu erzählen, wie der Tod meiner besten Freundin mein Leben verändert hat. Wie es ist, jemanden zu verlieren, den man liebt und wie man es schafft, trotz Schmerz und Trauer loszulassen. Weiterzumachen.

BARBARA Judith Zitat

Bei jedem einzelnen Foto, das von mir gemacht wurde, habe ich an Doris gedacht. Wie viel Spaß ihr so etwas gemacht hätte, wie sie vor Freude im Fotostudio ausgerastet wäre und wie sie vermutlich allen anwesenden und beteiligten Personen neugierige und v. a. unzählige Fragen gestellt hätte.

Vielleicht wäre sie Journalistin geworden.

Geredet und geschrieben hat sie schließlich genauso gerne wie ich.

Der Artikel enthält neben meiner sechs weitere Geschichten über das Weiterleben mit der Trauer. Sechs Leben, die der Tod einmal komplett durcheinander gewirbelt hat. Es hat mich sehr berührt, zu lesen, wie sie alle es geschafft haben, trotzdem oder vielleicht auch gerade deswegen weiter zu machen.

BARBARA Ina Zitat

Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich eine von diesen sieben sein darf und mein Foto jetzt in mehr als 350.000 gedruckten Ausgaben in der ganzen Republik zu sehen ist.

Unglaublich, dass ich es bin, die das alles erleben darf.

Mir kommen jedes Mal die Tränen, wenn ich darüber nachdenke.

Es ist die alte und vertraute Mischung an Gefühlen, die mich dabei immer wieder überkommt. Ich bin so unendlich dankbar, dass ich solche tollen Momente erleben darf. Es ist, als ob das Glück am Leben zu sein, jede meine Zellen für einen Moment zum Platzen bringt. „Das Leben ist so reich und wunderschön!“, möchte ich dann lauthals in die Welt hinausschreien.

Dann kommt der Moment der Stille.

„Womit habe ich das nur verdient?“, denke ich jedes Mal auf’s Neue. Womit habe ich es nur verdient: so ein unglaublich tolles Leben? Solche wunderschönen und unbezahlbare Momente?

Warum ich?

Warum nicht Doris?

Die Schuld des Überlebenden, nennt es, glaube ich die Fachwelt. Ein bekanntes und vielleicht auch normales Phänomen der Trauer.

Warum bin ich nicht gestorben?

Warum wurde ich verschont?

Wie kann ich mein Leben überhaupt jemals weiterleben und wieder glücklich sein, wenn Doris es einfach nicht durfte?

Ich habe lange gebraucht, um mit meiner Schuld fertig zu werden, zu akzeptieren und zu lernen, dass sie ein Teil der Trauer ist. Sie ist der kleine Reminder, der mich immer wieder daran erinnert:

Dass Du lebst und glücklich bist, ist keine Selbstverständlichkeit.

Das Leben ist kostbar. Und: Du hast es in der Hand, das Beste aus dem zu machen, was Du hast.

Als ich am Donnerstag im Zeitungsladen stand und mich auf Seite 18 das erste Mal gesehen habe, bin ich genau in diesen Pool aus Emotionen gesprungen.

Freude und Trauer vermischt mit Schuld und Dankbarkeit.
Die Gleichzeitigkeit der Dinge, hat es meine Grinberg Praktikerin immer genannt.

So ist das Leben: Es passiert gleichzeitig. Zu jeder Zeit ist alles und nichts möglich. Das Leben ist schön und beschissen.

Es ist die Mischung, die uns am Leben hält.

Und ja, Doris wird nie wissen, wie es sich anfühlt, eine unglaubliche Woche wie diese zu erleben. Aber ich weiß es. Und ich kann dankbar und glücklich sein. Ich kann es annehmen und mich freuen. Und es mit ihr teilen.

Ohne Schuld, aber mit dem Wissen im Inneren: Doris hätte es genauso gemacht. 


Die neue Zeitschrift BARBARA ist seit dem 15. Oktober 2015 erhältlich und erscheint ab sofort 10-mal pro Jahr. Namensgeberin und Mitglied der Redaktion ist Barbara Schöneberger.


Kennst Du diese wilde Mischung aus Schuld, Dankbarkeit, Trauer und Freude?
Wie gehst Du damit um? 

Ich freue mich auf Deinen Kommentar!
© Fotos: Judith Peller