Interview: Andrea (41) aus Stuttgart

Andrea (41) erzählt vom Tod ihres Ehemannes Andi (35) im Jahr 2008: Nur zehn Monate nach der Krebsdiagnose ist er gestorben. 


Andrea ist seit kurzem auch Buchautorin: Mit „Meine Trauer traut sich was! Nach einem Schicksalsschlag wieder Mut zum Leben finden“ möchte sie Trauernde in einer schweren Zeit unterstützen und gleichzeitig Freunden und Angehörigen zeigen, wie sie mit einem Betroffenen umgehen können, der einen Schicksalsschlag erlebt hat.


Was für ein Mensch war Dein Mann?

Andi war ein absolut lebensbejahender Optimist, der mich mit seiner unkomplizierten und offenen Art immer wieder mitgerissen hat. Egal wen er traf – er war seinem Gegenüber sympathisch. Weil er jeden Einzelnen einfach respektierte. Und er war unheimlich spontan und begeisterungsfähig.

Welche Bedeutung hatte Andi in Deinem Leben und wie würdest Du Eure Beziehung beschreiben?

Er war nicht nur mein Ehemann, er war auch mein bester Freund. Charakterlich waren wir wie Feuer und Wasser. Unsere ersten zwei Jahre waren dadurch das ein oder andere Mal recht stürmisch. Aber wir haben beide gemerkt, wie gut wir einander tun. Wir haben uns einfach perfekt ergänzt. Das Bedeutendste war das gegenseitige Vertrauen. Ich hätte jederzeit meine Hand für ihn ins Feuer gelegt.

Wie alt warst Du, als er gestorben ist und wie erinnerst Du Dich an seinen Tod?

Ich war 34 Jahre alt, Andi war ein Jahr älter. Unsere gemeinsame Tochter wurde zwei Tage nach seiner Beerdigung zwei Jahre alt. Es waren die dunkelsten Tage meines Lebens. Ich stand total unter Schock, funktionierte nach außen hin aber recht gut. Innerlich war ich erstarrt. Sein Tod hat mich eiskalt erwischt, denn ich hatte mich monatelang geweigert zu sehen, dass er sterben wird.

Woran ist er gestorben?

An Krebs. Lymphome im Gehirn. Ein Hirntumor. Die Krankheit brach sehr plötzlich aus. Von heute auf morgen sah er Doppelbilder. Vorher gab es – auch rückblickend – keine Symptomatik. Zehn Monate lang folgte eine Therapie der nächsten. Dann war er tot.

Was war für Dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast Du es geschafft damit umzugehen?

Bereits eine Woche vor seinem Tod konnte er nicht mehr sprechen. Das traf mich damals mit voller Wucht. Man hält das Sprechen immer für etwas Selbstverständliches. Und spricht deshalb oft nicht rechtzeitig über die Dinge, die wirklich wichtig sind. Seine fehlende Stimme hat uns um einen Abschied gebracht. Zumindest um einen Abschied mit Dialog. Das war für mich das Schlimmste. Damit mir so etwas nie wieder passiert habe ich begonnen, gegen das Schweigen zu kämpfen. Mein großes Redebedürfnis nach seinem Tod hat mir dabei geholfen. Meine Tochter erziehe ich mit großer Offenheit. Ihr Papa ist bei uns präsent. Immer. Und für sie ist es eine Selbstverständlichkeit, über ihn zu sprechen. Es gibt bei vielen eine sehr große Hemmschwelle bezüglich Themen wie Sterben und Tod, aber auch bei schwerer Krankheit oder Behinderung. Ich möchte, dass mehr Menschen begreifen, dass das zu unserem Leben einfach dazu gehört. Und dass man auch darüber reden sollte. Und habe deshalb mein Buch geschrieben.

Was hättest Du rückblickend in und mit Deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich hätte gerne schneller Menschen in ähnlicher Situation kennen gelernt. Das wäre sehr hilfreich gewesen. Als junge Witwe mit 34 und einem Kleinkind kam ich mir immer und überall als Außenseiter vor. Das war sehr schwierig. Gerade durch meine Tochter musste mein Alltag schnell weitergehen. Das war für mich aber auch eine gute Ablenkung. Und zwar von den Gefühlen, denen ich mich eigentlich hätte stellen müssen. Das passierte so leider erst mit Verzögerung.

Wer oder was hat Dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Meine Tochter. Sie war für mich der wichtigste Grund, weiterzumachen. Und zwar genau dort, wo wir waren. Ich glaube, alleine wäre ich geflüchtet. Einfach nur weg. Irgendwohin, wo mich keiner kennt. Ob das besser gewesen wäre, bezweifle ich heute.

Was würdest Du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Ich glaube, man muss gar nicht so viel sagen. Man muss einfach da sein. Und zuhören. Und Verständnis für die aktuelle Gefühlslage aufbringen. Bei Menschen in Trauer sind Stimmungsschwankungen an der Tagesordnung. Ich würde demjenigen das Gefühl geben, dass das okay ist, und dass ich das als Angehöriger oder Freund aushalte. Ganz schrecklich fand ich selber immer so Sätze wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ oder Ähnliches. Solche Floskeln sind grauenhaft. Das hilft einem doch nicht bei akutem Schmerz. Mir hat es immer sehr geholfen, wenn ich einfach auf Verständnis gestoßen bin. Dann hatte ich auch das Gefühl, dass meine Trauer respektiert wird. Und dieses Gefühl versuche ich nun auch anderen zu geben. Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man Trauer zulassen kann und sie einen Raum erhält. Was ich jedem Menschen in Trauer rate ist, Rituale zu finden, die an den Verstorbenen erinnern. Ich glaube, solche Rituale helfen über schwere Zeiten oder traurige Gedenktage hinweg. Sie gestalten um. Und je mehr man dabei etwas Eigenes, etwas persönlich Passendes findet, umso positiver wirken sie. Wir lassen zum Beispiel an Andis Geburtstag Luftballons in den Himmel steigen. Das hilft mir, diesen Tag anzugehen und das hilft besonders meiner Tochter, die ihrem Papa ein selbstgemaltes Bild in den Himmel schicken kann.

Wie denkst Du heute über Deinen Mann und seinen Tod?

Andi hat mein Leben bereichert. Mit seiner Liebe, seiner Art und mit unserer Tochter. Und das bleibt und lebt weiter. Was ebenfalls bleibt ist die Fassungslosigkeit über seinen Tod, die sich auch heute noch immer mal wieder in meine Gedanken schleicht. Sein Tod hat mich persönlich sehr verändert. Aber ich habe gelernt, das anzunehmen.

Wie hat Dich der Tod Deines Mannes verändert?

Andis Tod hat mich ganz sicher offener gemacht. Und ich habe verstanden, wie wertvoll das Leben ist. Denn es kann von heute auf morgen vorbei sein oder eine Wendung nehmen, mit der wir nicht gerechnet haben. Ich trenne viel mehr in wichtig und unwichtig, sei es bei den Dingen die ich tue oder den Menschen, mit denen ich mich umgebe. Und das stärkt.


Andrea Riedinger ist 41 Jahre alt und lebt in der Nähe von Stuttgart. Sie ist ausgebildete Bankfachwirtin und Journalistin. Die Schwerpunkte ihrer journalistischen Arbeit sind medizinische Themen sowie Lebenskrisen und Bewältigung. Mehr Infos zu ihr und ihrer Arbeit gibt es hier.