Warum Trauer auch eine Chance ist – Die Geschichte hinter diesem Blog

Drei Prozent. So groß war Doris‘ Chance zu überleben, als bei ihr mit neun Jahren die Diagnose Krebs festgestellt wurde. 

Ein Tumor so groß wie ein Babykopf hatte sich auf einen ihrer Lungenflügel gelegt, sich bereits an einer Rippe fest gefressen und ihre Milz angegriffen. Eigentlich wollten wir zusammen Skifahren lernen, als sie plötzlich nicht mehr atmen konnte. Ich sehe sie noch heute vor mir in ihrem pinken Overall, den blonden Haaren und dem rosafarbenen Stirnband, sich krümmend vor Schmerzen. Todesangst in den Augen.

Danach war nichts mehr wie davor.

Doris war nicht nur meine Cousine, mit der ich fast jede Ferien verbracht habe. Doris war meine Vertraute und Komplizin, meine Schwester im Geiste und meine schärfste Kritikerin. Meine erste beste Freundin.

Wir waren beide elf Jahre alt, als sie starb.

Doris wollte immer die Wahrheit. Schon vor ihrer Erkrankung war die Wahrheit das Mindeste, was sie vom Leben erwartete. Sie war eine zutiefst aufrichtige Person. Zielstrebig. Direkt. Klug. Die Wahrheit war es auch, die sie von Anfang an von ihren Eltern gefordert hatte. Wahrscheinlich wusste sie schon sehr früh, tief in ihrem Inneren, mehr als alle um sie herum. Vielleicht hat sie auch einfach gespürt, wie wenig Zeit ihr bleiben wird.

Als ihre Mutter ihr dann offen und direkt gesagt hat, dass sie den Krebs zu 97 Prozent nicht überleben wird, war ihre Antwort – mit einem trotzigen Lächeln:

„Dann nehmen wir halt die 3 Prozent.“

Das Beste aus dem zu machen, was man hat. Nicht aufzugeben, egal, wie viel Prozent einem das Leben schenkt. Leben wollen und hungrig danach bleiben. Sich mit nichts weniger als einem glücklichen und erfüllten Leben zufriedenzugeben. Und darum zu kämpfen. Jeden Tag: Das ist es, was ich von Doris, ihrem Umgang mit der Krankheit, aber auch von ihrem Tod gelernt habe.

Das war nicht immer so. Lange Zeit nach Doris‘ Tod hatte ich einfach nur Angst vor und in meinem Leben. Angst, dass ich keinen Job finde. Angst, dass ich nicht weiß, was ich wirklich will. Angst, dass mir jemand das Herz bricht. Angst, dass ich mich blamieren könnte. Angst, dass ich etwas verpasse. Angst, dass ich etwas Falsches sage. Angst, dass ich etwas richtig mache.

Angst, dass ich mein Leben genieße als das, was es ist:
ein Geschenk.

So oft heißt es: vom Leben gelernt. Warum sagt eigentlich niemand öffentlich: vom Tod für das Leben gelernt? Warum sprechen so wenig über den Tod als das, was er ist: ein Bestandteil unseres Lebens. Und zwar einer, den wir alle gemeinsam haben. Etwas, das wir teilen. Egal, wie alt wir sind, woran wir glauben, egal, wie viel Geld wir verdienen, was wir beruflich erreichen, egal, ob wir Single oder verheiratet sind, egal, ob alter Mann oder junges Kind:

Wir alle werden sterben.

Und wir alle werden früher oder später mit dem Tod in unserem Leben Bekanntschaft machen. Wenn er unerwartet vor uns steht, wie ein unangemeldeter Besucher. Warum fällt es uns nur so schwer, offen damit umzugehen? Warum findet der Tod heute nur noch hinter verschlossenen Türen statt? Warum sehen wir weg, wenn jemand todkrank ist und stirbt? Warum haben wir solche Angst, dem Tod ins Auge zu schauen?

Wenn wir den Tod in unser Leben integrieren, wenn wir uns dem Schmerz und der Angst davor stellen, dann haben wir eine einzigartige und unglaubliche Chance: Das Leben zu leben, das wir aus tiefstem Herzen leben wollen. Ein reiches und erfülltes Leben. Eins, für das wir bestimmt sind.

Ich stand kurz vor dem Burn-out, als Doris‘ Tod und das Trauma, das ich irgendwo tief in meinem Inneren vergraben hatte, vor genau vier Jahren wie ein Tsunami über mich hereinbrach. Fast 20 Jahre nach ihrem Tod. Seitdem ist viel passiert. Ich habe mein Leben geändert und Entscheidungen getroffen. Entscheidungen, die zwar oft unbequem, aber immer richtig waren – und für viele vielleicht auch nur schwer nachzuvollziehen: Wie oft wurde ich schon für verrückt erklärt in den letzten Jahren!

Ich bin einfach nicht mehr bereit, auch nur einen Tag meines Lebens zu vergeuden: mit schlechten Jobs, übertriebener Angst, falschen Freunden und Männern, die nicht gut für mich sind. Heute lebe ich meinen und wahrscheinlich auch Doris‘ Traum: in Berlin, mit einem Freund, den ich aus tiefstem Herzen liebe, und einem Netzwerk an tollen Menschen, die mich und mein Leben unendlich bereichern.

Meine Angst ist zwar nicht komplett verschwunden, aber sie ist weniger geworden.

Dank meines Therapeuten, der damals immer die richtigen Fragen gestellt hat, dank meiner Grinberg-Praktikerin, die vor allem meinem Körper geholfen hat, den Schmerz und die Trauer zu verarbeiten, dank meiner einzigartigen Familie und meiner tollen Freunde, die immer für mich da waren, auch wenn sie mir nicht helfen konnten. Denn auch das habe ich gelernt:

Durch den Schmerz muss man ganz allein hindurch. Aber auch wenn man allein mit seiner Trauer zurechtkommen muss, so muss man in der Trauer doch nicht allein sein.

Ich wünsche mir von Herzen, dass wir endlich anders über den Tod sprechen.

Deshalb habe ich 2014 Dein Tod und ich ins Leben gerufen. Ich möchte dem offenen und ehrlichen Umgang mit dem Tod eine Plattform bieten:

www.deintodundich.de ist die Trauer- und Interviewplattform über das Weiterleben nach dem Tod.

Hier können Hinterbliebene und Angehörige von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Tod erzählen und wie er ihr Leben vielleicht auch positiv verändert hat. Denn: Der Tod gehört zum Leben dazu.

Ich bin überzeugt: Er macht uns reicher und glücklicher – wenn wir uns trauen, ihn zu lassen. Doris hat das von Anfang an gewusst und gelebt – bis zum Schluss.

Es waren ihre drei Prozent hundertprozentiges Leben.


Dieser Text erschien im Oktober 2014 auf Brigitte.de in der Leserkolumne „Deine Stimme“ und markierte den Start von Dein Tod und ich.
Das Foto zeigt mich, Judith Peller, die Frau hinter Dein Tod und ich.
Aufgenommen wurde es von meiner lieben Schwester Steffi Schöffel.

 

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