Was es bedeutet, zu wissen, dass mein Leben endlich ist

Ich werde sterben. Nicht sofort und – so wie es im Moment aussieht – wahrscheinlich auch eher später als früher, aber Fakt ist: 

Mein Tod ist sicher.

Zu 100 % – im Vergleich zu meiner Rente, die von Jahr zu Jahr kleiner zu werden scheint…

Ich brauche eigentlich kein lebensveränderndes Ereignis und auch keine niederschmetternde Diagnose, die mir sagt, dass ich ab sofort nur noch so und so viele Tage/Monate/Jahre leben werde. Seit dem Tag meiner Geburt gibt es kein Zurück mehr: Ich werde sterben.

Leben ja, Lebensende wenn’s geht bitte lieber nein

Solche Gedanken sind in unserer Zeit irgendwie nicht mehr üblich. Nicht mehr möglich. Nicht mehr erwünscht. „Wieso denkst Du denn mit 33 über Deinen Tod nach?“ ist dann häufig die Reaktion. Und: „Du hast doch Dein ganzes Leben noch vor Dir!“

„Weil ich ihn schon hautnah erlebt habe“, ist meistens meine Antwort.

Natürlich gibt es schönere Themen, als sich das eigene Lebensende vorzustellen. Der nächste Urlaub in der Sonne oder wie wohl meine Kinder mal aussehen werden. Aber nicht viele Themen verändern das eigene Leben im Hier und Jetzt derart, wie der Tod. Er ist der, der einem die lebensverändernden Fragen stellt. Ob man will oder nicht.

Die Fragen aller Fragen

Habe ich alles gemacht, was ich wollte? War ich wirklich glücklich in meinem Leben? Habe ich die Zeit, die ich hatte, so gut und so oft es geht mit Haut und Haar genossen oder habe ich mir mehr Gedanken um das Morgen und das Übermorgen gemacht?

Bin ich mir selbst treu geblieben?

Oder war mir die Meinung anderer am Ende doch immer ein kleines bisschen wichtiger? Hatte ich genug Sex – genug guten Sex? Habe ich bei Konflikten lieber geschwiegen oder klar und deutlich gesagt, was mir wichtig ist? Habe ich geliebt und wurde ich geliebt? War die Arbeit alles für mich oder gab es noch etwas anderes – etwas das jenseits von 9-to-5 war? Welchen höheren Sinn hat mein Leben? Habe ich im Heute gelebt oder doch häufiger gesagt: vielleicht ein andermal…

Raus aus der bequemen Komfortlebenszone

Sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen ist nicht leicht. Er wirft unangenehme Fragen auf. Fragen, denen wir in unserem Alltag sonst erfolgreich aus dem Weg gehen. Fragen, die wehtun. Fragen, die uns aus unserer Komfortzone herausholen. Das ist es nämlich, was der Tod macht:

Er zwingt uns dazu, weiter zu denken und dabei ehrlich mit uns selbst zu sein.

Eben nicht in unserem Alltag gefangen zu bleiben. Den Blick auf unsere tiefsten Ängste zu richten: die jenseits unserer altbewährten Scheuklappen. Der Tod lässt uns auf unser Leben blicken – nicht mehr und nicht weniger. Und zwar so wie es ist: Ohne die rosarote Brille können wir sehen, was wirklich wichtig ist. Was wir wollen und was nicht.

Leben heißt sterben heißt leben

Zu wissen, dass mein Leben endlich ist, bedeutet zu wissen, dass ich lebe. Und wie ich leben will. Nicht eher Ruhe zu geben, bis ich es gefunden habe: mein Glück.

Die Antwort auf die wichtigste Frage: Bin ich bereit zu gehen, wenn es soweit ist?

Mit dem Wissen und dem Gefühl im Inneren, dass ich alles getan habe, was in meiner Macht stand, um dem Tod am Ende ein lautes und glückliches „JA!!“ ins Gesicht schreien zu können…

 

Was hast Du vom Tod gelernt? Was bedeutet es für Dich, zu wissen, dass Du sterben wirst?
Ich freue mich auf Deinen Kommentar!
© Foto: Judith Peller

 

3 Kommentare

  • Armin Schulz

    Der eigene Tod…wo und wie ansetzen, diesen denken, wie sich damit auseinandersetzen?

    Auch bei vorhandener Bereitschaft dies zu tun folgt daraus nicht automatisch, dass einem Arten und Weisen der Auseinandersetzung (mit dem eigenen Tod) zur Verfügung stehen.

    Wie auch immer…
    Erschreckend jedenfalls, wie wenig der westliche Mensch (zumindest viele von diesen) dazu bereit ist, sich mit einem der sichersten und einschneidensten Erlebnissen seines Lebens bereits im Vorfeld zu konfrontieren.

    Das (angebliche) bewusst sein des eigenen Todes dürfte bei zu vielen Menschen mehr ein Lippenbekenntnis als fühlendes darum wissen sein.

  • André Greif

    Danke für diesen Beitrag. Heute ist die Beerdigung von einer mir bekannten jungen Frau, die von Kind auf krank war und etwa 30 Jahre alt wurde. Ihr Beispiel zeigt mir, wie es doch wichtig ist, sich mit dem Ende des Lebens auseinander zu setzen. Es ist nicht einfach, sich vorzustellen, wie der eigene Körper den letzten Atemzug macht oder das letzte Mal das Herz schlägt und damit das Leben unwiederbringlich vorbei und fertig ist.
    Alles bekannte und vertraute damit zeigt, dass es nur zeitweilig war. Ich hoffe, ich kann ganz am Ende meines Lebens mir sagen, dass ich es gut gemacht habe. Dass ich mich meinen Aengsten gestellt habe und ein Leben nach eigener Art geführt habe.

  • Vielen Dank für diesen Beitrag und die Lebenszeit, die ihr in dieses Projekt investiert.

    ich recherchiere gerade für einen eigenen Artikel (Mut zur Endlichkeit) auf http://www.stillepostille.de. Dort dokumentiere ich meine Reise per Rad und Segelboot ans Ende der Welt. Dabei bin ich auf deintotundich gestoßen und habe soviele wunderbare Gedanken (wieder-)gefunden.

    Herzliche Grüße aus den Anden,

    Philipp

    Einen langen Atem für das Projekt und viel Freude beim Schreiben/Leben/Sterben.

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