Interview: Steffi (24)

Steffi* (24) erzählt von ihrer unvergesslichen Begegnung mit Jonas*. Aus heiterem Himmel nimmt sich Jonas kurz danach das Leben.  

Was für ein Mensch war Jonas?

Jonas war spontan, ein bisschen verrückt, unabhängig, fürsorglich und sehr aufmerksam. Er war ein sehr kritisch denkender Mensch, der es geschafft hat, die Menschen in seiner Umgebung im positiven Sinne „in seinen Bann zu ziehen“. Seine Lebenslust und seine Lebendigkeit haben immer eine positive Stimmung geschaffen. Jonas war ehrlich interessiert an den Menschen um ihn herum. Er war wirklich einzigartig und außergewöhnlich.

Welche Bedeutung hatte er in Deinem Leben und wie würdest Du Eure Beziehung beschreiben?

Ich bin unglaublich dankbar, dass ich diesem Menschen begegnen und ihn zumindest für eine kurze Zeit besser kennen lernen durfte. Durch ihn bzw. in seiner Gegenwart hab ich erfahren dürfen, wie großartig es sich anfühlt, wirklich ich selbst sein zu können, mich selbst hundertprozentig anzunehmen und zu akzeptieren und mich mit mir selbst in Gegenwart eines anderen rundum wohl zu fühlen. Unsere Beziehung war unglaublich intensiv, weil wir uns von der ersten Sekunde an total gut verstanden haben. Wir hatten ein großes und ehrliches Interesse aneinander und lagen absolut auf einer Wellenlänge. Es war eine Qualität von Beziehung, die ich so bisher kaum erlebt habe – schon gar nicht in so kurzer Zeit. Da war irgendwie ein tiefes Verständnis für den anderen da, so, als ob man sich schon lange kennen würde, vielleicht etwas, was andere Leute als Seelenverwandtschaft beschreiben würden. Ich habe dafür keine Worte. Ich hatte bei ihm einfach das Gefühl, endlich „den Richtigen“ gefunden zu haben.

Wie alt warst Du, als er gestorben ist und wie erinnerst Du Dich an seinen Tod?

Ich war 23. Und ich erinnere mich immer wieder an den Anruf seines Bruders, durch den ich von seinem Tod erfahren habe. Und wie unvorbereitet mich diese geballte Kraft an Emotionen überrollt hat, von der ich in der Situation selbst total überrascht war.

Woran ist er gestorben?

Soweit bekannt ist, hat er sich das Leben genommen, indem er sich vor einen Zug geworfen hat. Höchstwahrscheinlich in einer Spontanaktion, die so nicht geplant war.

Was war für Dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast Du es geschafft damit umzugehen?

Das Schlimmste für mich war, dass es so absolut unerwartet und plötzlich kam und dass er sich selbst dafür entschieden hat. Die vielen Gefühle, die damit zusammenhingen. Riesige Wut, Enttäuschung, Verletzung… Das Gefühl, vom Leben und vom Schicksal verarscht worden zu sein. Die Unumkehrbarkeit seiner Entscheidung. Das zu akzeptieren, nachdem wir so eine schöne Zeit zusammen hatten, ist wahnsinnig schwer. Vor allem, da ich keine Chance hatte, an der Trauerfeier teilzunehmen. Damit umzugehen, fällt mir immer noch schwer. Aber letztendlich ist das Ergebnis das gleiche, ob er nun Suizid begangen hat oder ob er einen Unfall gehabt hätte oder an einer Krankheit gestorben wäre: Er ist einfach nicht mehr da und kommt auch nie wieder. Dass mir das Leben diesen Menschen, auf den ich die ganze Zeit gewartet habe, und damit dieses unbeschreibliche Glück einfach so und ohne Vorwarnung wieder entreißt. Letztlich kann ich nur darauf hoffen, dass es wohl so ist, dass er die Aufgabe, die er auf dieser Welt hatte, schon erfüllt hatte – was auch immer das gewesen ist. Und darum gehen durfte.

Was hättest Du rückblickend in und mit Deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich hätte gerne die Kraft gehabt, richtig zu trauern. Aber die hat mir gefehlt. Ich habe versucht, irgendwie weiter zu machen. Um irgendwas zu haben, woran ich mich festhalten konnte. Denn wenn ich meine Trauer zugelassen hätte, wäre ich wahrscheinlich darin untergegangen. Ich habe mich dieser unglaublichen Masse an Gefühlen nicht gewachsen gesehen. Ich hätte gerne mehr Kontakt zu Gleichgesinnten gehabt. Seinen Freunden, seiner Familie. Das ist aber auf Grund der räumlichen Entfernung schwierig. Und ich hätte gerne die Möglichkeit gehabt, an der Trauerfeier teilzunehmen. Das ist ein wichtiger Schritt in der Verarbeitung, der mir fehlt.

Wer oder was hat Dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Niemand. Weil ihn in meinem direkten Umfeld niemand kannte und sich auch niemand in meine Situation hineinversetzen kann. Ich hatte eher das Gefühl, dass mein Umfeld damit völlig überfordert war. Da muss ich immer noch ganz alleine durch. Und das ist auch immer noch wahnsinnig schwierig. Geholfen hat einfach nur die Zeit, mein Pragmatismus. Und mein eigener Lebenswille.

Was würdest Du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Dass es zwar in der aktuellen Situation schwer zu glauben ist, aber dass der Schmerz tatsächlich irgendwann nachlässt. Auch wenn er nie ganz aufhören wird. Aber dass das auch gut und in Ordnung so ist. Dass es sehr wichtig ist, zwischen den schönen Erinnerungen, die man mit dem Menschen verbindet, und der Wut, Trauer, Enttäuschung und dem Unverständnis über die Entscheidung zu unterscheiden. Sich bewusst zu machen, was der Mensch einem Wertvolles hinterlassen hat. Und dass das etwas ist, was einem nichts und niemand mehr nehmen kann. Dass es wahnsinnig schwierig ist, die Entscheidung zu akzeptieren, dass das EIGENE Leben aber trotzdem weitergeht. Dass es wichtig ist, sich immer wieder damit auseinanderzusetzen, um zu verarbeiten – auch, wenn es schwer fällt. Dass er/sie in einer Situation ist, die kaum jemand nachvollziehen kann, was es Außenstehenden schwierig macht, zu helfen. Und ich würde versuchen, so gut es geht für den Hinterbliebenen da zu sein.

Wie denkst Du heute über Jonas und seinen Tod?

Es sind sich fast alle einig, dass er die Entscheidung sich selbst das Leben zu nehmen wohl bereuen würde. Aber das lässt sich leider nun mal nicht mehr ändern. Er hat sich so entschieden und damit müssen wir und damit muss auch er – wo auch immer er jetzt ist und sofern es nach dem Tod irgendetwas gibt – leben. Ich hoffe, dass ich so etwas in meinem Leben nie wieder erleben muss, denn ich weiß nicht, ob ich das noch ein zweites Mal verkraften würde. Schwierig sind immer noch die ambivalenten Gefühle. Dieses wahnsinnig große Glücksgefühl über die gemeinsam verbrachte Zeit auf der einen Seite. Und auf der anderen das Unverständnis, die Wut. Die große Frage nach dem Warum. Auf die wird es aber nie eine Antwort geben. Was auch immer ihn in dem Moment geritten hat, wir werden es nie erfahren. Es spielt aber auch eigentlich keine große Rolle, denn das würde auch nichts mehr ändern. So kann sich wenigstens niemand Vorwürfe machen. Er ist weg und kommt nie wieder und irgendeinen Grund wird es geben, warum es so passiert ist.

Wie hat Dich der Tod des Verstorbenen verändert?

Das war, als ob das Leben die „Reset“-Taste gedrückt hat. Alles einmal wieder auf Null. Völlig neu und von vorne anzufangen, zu sortieren, was wichtig ist. Was ich will. Was ich vom Leben will. Wen ich in meinem Leben will. Nach dem Motto: „Kehre dorthin zurück, wo alles einen Sinn ergibt. Nur so können deine Wunden heilen.“. Diesen Punkt erstmal zu finden. Wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Und dann aufrichten und ganz langsam Schritt für Schritt wieder loslaufen. Die Richtung neu bestimmen. Werte und Prioritäten hinterfragen. Anecken. Orientierungslosigkeit. Erfahren, dass man letztlich doch ganz alleine ist. Verantwortung übernehmen lernen – für sich selbst. Stärke entwickeln. Merken, wie wertvoll das Leben ist. Leben. Ich hoffe sehr, dass ich irgendwann meine Unbeschwertheit und meine Lust am Leben wieder zurückgewinne. Denn das vermisse ich seit dem.


Steffi* (24) ist zurzeit noch Studentin. Während ihres Studiums hat sie ein Semester in Gent (Belgien) verbracht, nach dem sie Jonas* kennengelernt und sich in ihn verliebt hatte.

*Steffi möchte gerne anonym bleiben, deshalb wurden beide Namen geändert.