Interview: Micky (52) aus Hagen

Micky trauert um ihren Mann Tucky, der im September 2017 verstarb. Er war ihr Mann, ihr Geliebter, ihr allerbester Freund – er war allumfassend wichtig für sie. Nun muss sie ohne ihn weiterleben und sucht noch nach einem Sinn darin – so schmerzlich und so nachvollziehbar nach so kurzer Zeit…

Was für ein Mensch war dein Mann?

Mein Mann war ein ruhiger besonnener und humorvoller Mensch. Er war immer ein bisschen geheimnisvoll. Er war auch sehr pragmatisch. Er hatte für jegliche Probleme immer eine Lösung parat und war immer optimistisch. Er war mein Fels in der Brandung, mein Halt in manchen schwierigen Lebenssituationen. Er war auch ein toller Vater, obwohl er nicht der leibliche Vater meiner Kinder gewesen ist. Für uns beide war es die zweite Ehe. Wir alle haben von ihm sehr viel gelernt, sehr viel Liebe bekommen. Er war immer für uns da. Es ist, als ob mir mein zweites ICH genommen wurde. Er fehlt mir so unglaublich schrecklich. Er war immer so liebevoll zu mir, war kein Pascha, hat sich nicht „bedienen“ lassen. Er hat etwas ausgesprochen, was ich grade gedacht habe und umgekehrt. Seine kleinen, manchmal auch lustigen Aufmerksamkeiten haben mir immer ein Leuchten in meine Augen gezaubert. Meine Augen hat er besonders geliebt. Wir haben uns nach gemeinsamen 18 Jahren immer noch genauso stark geliebt wie am Anfang.

Welche Bedeutung hatte dein Mann in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Er war die große Liebe meines Lebens. Es war vor 18 Jahren die buchstäbliche Liebe auf den ersten Blick. Ich war sehr unglücklich zu diesem Zeitpunkt verheiratet und auch meine Kinder waren nicht glücklich. Dann kam mein Mann in unser Leben. Es waren die glücklichsten, schönsten 18 Jahre meines Lebens. Wir haben zusammen gelebt und zusammen gearbeitet. Niemals gab es ein böses Wort. Wir waren beide in unserer Beziehung selbstständige Menschen, aber wir waren beide immer füreinander da. Das Leben mit ihm war so unkompliziert. Das soll nicht heißen, dass wir nicht auch Probleme hatten. Aber ich hatte niemals das Gefühl, irgendetwas alleine bewältigen zu müssen.

Wenn es etwas gibt wie Seelenverwandtschaft, dann waren wir es. Ich wäre so gerne mit meinem Mann alt geworden und er auch mit mir. Ich habe ihn geliebt und er mich.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Ich bin 51 Jahre alt gewesen. Ich erinnere mich nur zu gut an diesen schrecklichen Tag und die beiden schrecklichsten Monate meines Lebens. Der 11. September 2017 ist ein Tag, welchen ich als bösen Traum in Erinnerung habe und noch kommt mir häufiger der Gedanke, dass ich jetzt langsam mal aufwachen müsste. Ich erinnere mich an die Gedanken, die ich hatte. Ich kann das nicht aushalten, wie soll denn nun mein Leben ohne ihn weitergehen? Ich wollte einfach nur schreien, bei ihm sein….Ich stand völlig neben mir und eigentlich habe ich mich nur treiben lassen. Ich hatte tagelang nur einen Gedanken: wie kann ich mir selbst das Leben nehmen? So will und kann ich nicht leben! Auf einmal war mir gar nichts mehr wichtig, ich auch nicht. Ich war auch wütend auf alles, vor allem die Ärzte bis hin zum Krankenhaus. 

Woran ist er gestorben?

Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Metastasen in der Leber. Wir bekamen diese Diagnose Anfang Juli 2017, nachdem mein Mann aber wegen seiner Beschwerden seit Januar in ärztlicher Behandlung war. Sämtliche Diagnoseverfahren haben aber immer Wochen gedauert, es war einfach nicht möglich, einen zeitnahen Termin zu bekommen. Erst Ende Juni bekam mein Mann eine Überweisung ins Krankenhaus, als der Hausarzt nicht mehr weiter wusste. Der Krebs war zu weit fortgeschritten, sodass er eine palliative Chemo bekam. Nach der ersten Chemo kam dann ein Tumorlysesyndrom dazu. Er erholte sich nur sehr langsam davon und an seinem Geburtstag im August bekam er die zweite Chemo. Aber auch diese konnte nicht mehr verhindern, dass es nur sehr viel schlimmer wurde. Die letzten zwei Wochen war mein Mann auf komplette Pflege angewiesen. Seine Kraft war am Ende, nicht aber sein Lebenswille. So hat er sich nur gequält, er hat mich immer so hilfesuchend angeschaut. Diese Bilder, diese Zeit lässt mich nicht mehr los, sie ist mein täglicher Begleiter. Und es zerreißt mir das Herz.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

So genau kann ich das eigentlich nicht sagen. Ich weiß nur, dass er mir unglaublich fehlt. Auch meine Gedanken, dieses NIE WIEDER !! Ich weiß nur, dass ich ihn in den Arm genommen habe, als er seine letzten Atemzüge gemacht hatte und ich habe ihn ganz fest gedrückt und ich habe ihm versprochen, dass er immer bei mir sein wird. Noch immer stehe ich morgens mit den Gedanken an meinen Mann auf und gehe auch mit diesen abends ins Bett. Ich konnte ihm nicht helfen und er hat mich so unglaublich liebevoll angeschaut, als ich ihm sagte, dass er gehen darf. Das war einen Tag vor seinem Tod. Danach hat er die Augen geschlossen. Meine Tochter und auch meine Stieftochter waren auch die ganze Zeit bei uns. Ich habe es einfach nicht begriffen, dass er so leiden musste. Wir hatten gar keine Zeit uns darauf vorzubereiten, blieben uns doch nur 2 Monate ab der Diagnose. In diesen 2 Monaten war er nur 2 Wochen zu Hause. Es war einfach nur furchtbar, meinen Mann so krank zu sehen. Es hat mir so unglaublich leidgetan. Das kann man mit Worten einfach nicht beschreiben. Weiß ich doch, dass er mich nicht allein lassen wollte.

Meine Kinder haben mir gerade in der ersten Zeit enormen Halt gegeben. Auch bin ich gleich nach der Beerdigung wieder arbeiten gewesen. Ich habe sehr viel geweint, bin oft unter Weinkrämpfen zusammengebrochen. Ich habe meine Umwelt wie durch einen Schleier wahrgenommen. Noch heute geht es mir eigentlich so. Ich habe noch nicht wirklich realisiert, dass dies nun mein Leben sein soll. Immer noch frage ich nach dem Sinn. Warum nur hat das Schicksal mir meinen Mann genommen? Warum haben die Ärzte nicht schon vorher etwas entdeckt, er ist doch sofort beim Arzt gewesen, als die ersten Beschwerden auftraten. Ich denke zu viel und die Gedanken drehen sich im Kreis. Ich bin also noch lange nicht darüber hinweg, aber ich denke, mein Mann ist jede Träne wert.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Gar nichts. Ich stecke ja auch noch mittendrin. Ich glaube auch nicht, dass es dafür ein Patentrezept gibt. Man muss jeden Tag so nehmen, wie er kommt und auch aushalten. Man kann sich auf solch ein Schicksal nicht wirklich vorbereiten, denke ich. Man überlegt nicht, man funktioniert mehr oder weniger.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Ich weiß nicht, ob man je mit solch einem Verlust fertig werden kann. Es ist für mich jedenfalls das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe. Ich kann nur versuchen, es als Teil meines Lebens zu akzeptieren und auch die schlimmen Bilder aus dem Kopf zu bekommen. Das waren nur „wenige“ Tage. Das Leben mit meinem Mann war doch sehr viel länger und das waren schöne Zeiten.

Ein Jahr, bevor mein Mann so krank wurde, haben wir uns noch einen kleinen Welpen geholt. Für dieses Tier habe ich Verantwortung und ich liebe sie sehr.

Außerdem habe ich meine Kinder und drei kleine Enkelkinder. Ich liebe sie alle sehr. Aber mit dem Verlust meines Mannes muss ich selbst fertig werden.

Ich habe auch eine sehr liebe Therapeutin gefunden, Die Gespräche mit ihr tun mir sehr gut und ich denke, dass ich dies noch sehr lange brauche.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Wenn es jemand ist aus meinem Umfeld würde ich meine uneingeschränkte Hilfe anbieten. Es ist so wichtig, dass man nicht alleine ist. Zuhören ist für mich das Wichtigste. Auf keinen Fall würde ich sagen „Das schaffst Du schon“  oder „Jetzt muss er nicht mehr leiden, denk doch mal darüber nach“ Das sind Sätze, welche ich gehört habe und die haben mir nicht im Geringsten geholfen. Man kann eigentlich nicht viel sagen, mitfühlen und denjenigen auch mal in den Arm nehmen, zeigen, dass man da ist. Demjenigen auch sagen, dass er weinen, schreien soll. Ich halte das aus, ich kenne diese Gefühle. Man möchte so gerne laut seinen Schmerz von der Seele schreien, traut sich aber nicht. Ich habe mich anfangs und es ist eigentlich auch heute noch so, sehr alleine gefühlt. Und das ist ein sehr schlimmes Gefühl.

Wie denkst du heute über deinen Mann und seinen Tod?

Dass das Leben unberechenbar ist. Sein Tod hat mich verändert. Es hat aus mir einen traurigen Menschen gemacht. Ich weiß, dass mein Mann das nicht gewollt hätte. Ich denke auch, dass ich für den Rest meines Lebens alleine bleiben werde. Mein Mann hat den Stab gesetzt, was soll denn nun noch kommen? Ich denke auch, dass heutzutage andere Planeten erforscht werden aber in der Krebsforschung – und hier spreche ich jetzt nur von der Krebserkrankung meines Mannes – gibt es immer noch nichts, was wirklich hilft. Ich denke, sein Tod war sinnlos, ich hätte ihn doch noch gebraucht und er wollte doch auch noch so gerne leben.

Wie hat dich der Tod deines Mannes verändert?

Ich bin sehr traurig geworden, vorher war ich lustig und sehr humorvoll genau wie mein Mann. Ich habe keine Angst mehr vor irgendetwas. In vielen Dingen bin ich gleichgültig geworden, wenn ich etwas nicht geschafft habe, dann verschiebe ich es eben. Es ist nicht mehr wichtig. Viele Dinge haben für mich ohne meinen Mann die Bedeutung verloren. Auch habe ich seitdem massive eigene gesundheitliche Probleme bekommen. Ich fühle mich schwach und antriebslos. Meine Knochen schmerzen und ich könnte immer nur schlafen. Gleichzeitig bin ich sehr unruhig und manchmal schreit meine Seele so sehr, dass ich nicht weiß, wohin mit mir. Wichtig sind mir meine Kinder, meine Enkelkinder und meine Hündin. Die Tage plätschern so vor sich hin und ich bin immer noch froh, wenn es dunkel wird. Ich gehe ins Bett und bin froh, dass ich für ein paar Stunden schlafen kann und ich für diese Zeit vergessen kann. Ich glaube, dass es ein sehr schwerer, schmerzhafter Weg ist und auch ich irgendwann einmal wieder am Leben teilhaben kann. Aber meine Narben werden bleiben für immer. Ich glaube auch, dass ich so glücklich, wie ich es einmal mit meinem Mann gewesen bin, nie wieder sein kann.


Micky lebt in Hagen im Bremischen. Sie hat nach Tucky’s Tod dessen Geschäft übernommen und ist nun als Feuerwerkerin und selbständig im Bereich Kampfmittelbergung beruflich viel unterwegs.