Interview: Dunja (54) aus dem Rheingau

Dunjas Mann Volker starb vor 11 Jahren ganz plötzlich und unerwartet. Heute erzählt sie uns ihre Geschichte…

Was für ein Mensch war dein Mann?

Mein Mann Volker war ein wundervoller Mensch.

Er hatte einen guten Charakter, immer positiv eingestellt, war humorvoll, ein Familienmensch, gesellig und offen für Neues. Außerdem war er ein sehr mutiger Mensch, hatte Selbstvertrauen. Er war sehr besonnen und dachte viel nach. Er hatte immer tolle Ideen und setzte diese um.

Er war sympathisch und man mochte ihn. Er strahlte eine gewisse Ruhe aus.
Er war hilfsbereit und ehrlich. Ein liebevoller Partner und Vater.
Er war nicht der Schnellste und nahm sich für alles seine Zeit. Er war ein Genießer auf jeder Ebene. Ein Traumtänzer manchmal.

Welche Bedeutung hatte dein Mann in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Mein Mann war mein bester Freund, ich konnte mich auf ihn verlassen und er war mir eine große Stütze jedem Bereich meines Lebens.

Ich würde sagen dass wir ein Team waren und auch wortlos uns verstanden haben, er hat oft Dinge getan die ich eigentlich tun wollte und die wir gar nicht besprochen hatten und dann hat er sie erledigt.

Mein Mann war wie meine rechte Hand. Wir haben uns ergänzt und wunderbar verstanden. Unsere Schwächen und Stärken haben wir ausgeglichen. Wir hatten einige Gemeinsamkeiten und wir hatten eine Beziehung die ein starkes Fundament hatte. Das Schöne an unserer Beziehung war, dass wir beste Freunde waren, wir mochten uns nicht nur sondern wir liebten uns sehr.

Mein Mann war derjenige, der gewusst hat, wie ich ticke und der mich respektiert hat in meiner Art und mich angenommen hat. Für meinen Mann war ich die schönste Frau auf der Welt und er sagte mir das häufig. Umgekehrt war es aber auch für mich so.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Als mein Mann plötzlich verstarb war ich 43 Jahre alt und er 38.

Sein Tod kam plötzlich und unerwartet und war ein riesen Schock für mich und uns. Es war alles wie ein Albtraum aus dem ich gerne erwacht wäre und gesehen hätte dass es nur ein Traum war. Leider war es kein Traum.

Ich erinnere mich ganz deutlich an seinen Tod und an die zwei Tage die seinem Sterben vorausgegangen sind. An Details erinnere ich mich und ich habe die Bilder in meinem Gedächtnis. Sie sind auch heute noch sehr häufig allgegenwärtig.

Woran ist er gestorben?

Mein Mann starb an einem Hirn Aneurysma. Die Blutung wurde durch Blutkrebs ausgelöst, an dem er erkrankt war und weder er noch ich davon wussten.

Im Krankenhaus hatte mir der Arzt davon berichtet. Die Hirnblutung hatte zur Folge dass er in ein Koma fiel, aus dem er nicht mehr erwachte. Zwei Tage nachdem die Hirnblutung begann verstarb er und ich begleitete ihn in den Tod.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Das Schlimmste an seinem Tod war für mich das er von heute auf morgen von uns gegangen ist, ohne dass wir wussten was auf uns zukommt und wir keine Gelegenheit hatten uns zu verabschieden. Von jetzt auf gleich war mein Mann nicht mehr da, er ließ mich zurück mit den Kindern, dem Haus und unserem Restaurant was wir hatten und er hinterließ eine große Lücke.

Mein bester Freund der Vater meines Sohnes, der Stiefvater meiner Töchter,  ein Ehemann und Vertrauter war nicht mehr da.

Damit umzugehen war im Grunde genommen nahezu unmöglich. Ich wurde in eine Situation hineinkatapultiert für die ich mich nicht entschieden hatte und die ich zwangsläufig hinzunehmen hatte. Ich tat mich sehr schwer damit umzugehen und das war das schwierigste was ich je durchleben musste. Es dauerte sehr lange bis ich die Situation akzeptieren konnte. Ich habe viele Dinge durchgestanden und meine Kinder meine engste Familie und meine engsten Freunde waren dabei mehr oder weniger eine Unterstützung.

Was hättest Du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Rückblickend wäre es besser für mich gewesen wenn ich eine Trauertherapie mit gemacht hätte, wenn ich mich meiner Trauer mehr hingegeben hätte anstatt nur zu funktionieren und meinen Pflichten nachzugehen.

Natürlich habe ich schon getrauert, vor allem wenn ich alleine war. Man kannte mich als eine starke Frau und Persönlichkeit und genau das habe ich wiedergespiegelt dabei war ich überhaupt nicht so stark wie viele dachten dass ich es bin. Wenn ich mit meinen Hunden im Wald war , alleine spazieren, konnte ich mich gehen lassen und weinen und mit Gott hadern und trauern so wie ich es vor anderen nicht konnte.

Ich wünschte, ich hätte das eher zeigen können aber ich musste alles zusammen halten und mich um meine Kinder kümmern, mich um unser Restaurant kümmern, denn wir mussten weiter leben und mussten unsere Rechnungen bezahlen können. Ich war den Kindern eine starke Mutter die sich nicht gehen ließ, aber innerlich zerfiel.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Ich kann eigentlich nicht sagen, dass es jemanden bestimmten gab, der mir half mit dem Verlust fertig zu werden. Mit so einem Verlust kann man nicht fertig werden. Ein Verlust wie dieser verändert einen Menschen für immer, hat mich für immer verändert.

Was mir allerdings sehr geholfen hat weiterzumachen und nicht aufzugeben war mein Glaube an Gott, zu beten und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass auch für mich die Sonne wieder scheinen würde. Tatsächlich habe ich eine ganz lange Zeit gar nicht gesehen, dass die Sonne scheint, ich habe gar nicht gesehen, dass die Bäume grün geworden sind, die Blumen blühten. Ich habe eigentlich nur funktioniert und meine Umwelt fiel mir überhaupt nicht richtig auf. Irgendwann habe ich das dann auch wieder bewusster wahrgenommen und ich weiß im Nachhinein, dass durch mein Gottvertrauen und meinen starken Glauben mein Leben wieder etwas gefestigter wurde.

Natürlich haben mir meine Kinder den nötigen Halt gegeben und dafür gesorgt, dass ich nicht aufgab.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Es ist sehr schwierig einem Menschen, der gerade durch diese Situation geht, das Richtige zu sagen, denn jeder Mensch ist anders und erlebt Trauer anders. Das was am wichtigsten ist, ihm mitzuteilen ist, dass man genau weiß was er durchmacht, das man sich genau in diese Person versetzen kann und weiß was sie fühlt und wie es ihr geht.

Ich würde ihr sagen, dass es auch wieder bessere Tage gibt, dass es wieder Zeiten gibt wo man sich freuen kann, wo man wieder lachen kann aber dass diese Zeit nicht in schnellen Schritten kommen wird. Dass die Zeit der Trauer sehr hart ist, dass man viele Tiefen durchlaufen muss und dass man sich mit Gleichgesinnten zusammen tun soll, um von Ihnen Halt und Verständnis zu bekommen. Dass es sehr wichtig ist, dass man etwas hat, an was man sich festhalten kann, sei es der Glaube an Gott, sei es die Familie oder was immer wichtig ist für ihn.

Dass man jeden Tag im Hier und Jetzt lebt und kleine Schritte geht, achtsam ist mit sich selbst.

Wie denkst du heute über deinen Mann und seinen Tod?

Der Tod meines Mannes war die Tragik meines Lebens – so denke ich heute darüber. Natürlich habe ich jetzt einen gewissen Abstand zu seinem Tod und zu seinem Gehen bekommen, aber ich frage mich immer noch häufig, warum er uns verlassen musste, warum mein kleiner Sohn ohne seinen Vater aufwachsen musste und warum ich meinen besten Freund und Ehemann nicht behalten durfte.

Ich denke auch nach all den Jahren noch fast täglich an meinen Mann. Ich frage mich, wie die Jahre, die wir nicht miteinander verbringen konnten, wohl ausgesehen hätten. Ich empfinde seinen Tod als sehr großen Verlust.

Wie hat dich der Tod deines Mannes verändert?

Der Tod meines Mannes hat mich verändert. Ich bin nicht mehr die Person, die ich mal war. Für eine ganz lange Zeit habe ich mein Leben in zwei Kategorien eingeteilt: die Zeit davor und die Zeit danach.

Seit mein Mann gestorben ist, sind für mich viele Dinge nicht mehr so wichtig, die vielleicht vorher mehr an Gewicht gehabt haben. Materielle Dinge sind für mich relativ unwichtig geworden. Ich bin sensibler geworden aber auch misstrauischer.

Ich bin trauriger geworden und mehr in mich gekehrt. Gewisse Dinge kann ich heute mehr schätzen und mir fällt an anderen Menschen auf, dass sie ihren Partner und das was sie mit ihm haben viel mehr schätzen sollten und dankbar dafür sein sollten denn ich weiß aus eigener Erfahrung dass dies alles innerhalb von Sekunden vorbei sein kann.

Ich würde mich als einen aufgeschlossenen Menschen bezeichnen, ich gehe gern unter Leute und bin gesellig und ich habe mich dazu entschieden mein Leben zu genießen und im Hier und Jetzt zu leben und mir keine Zwänge mehr aufzuerlegen.

Ich möchte es nicht mehr jedem recht machen denn ich möchte hauptsächlich auch einmal an mich denken und an mein Seelenheil.

Auch ich wünschte, ich hätte noch mal die Gelegenheit gewisse Zeit mit meinem Mann zu wiederholen. Ich war ja nicht immer die einfachste Ehefrau für ihn. Auch ich habe ihn nicht immer geschätzt und ich würde ihm heute gerne noch mal sagen, wie dankbar ich dafür bin, dass er in mein Leben kam und es bereichert hat auf die Art und Weise wie er es tat .

Ich vermisse meinen Mann immer noch und der Gedanke an ihn erfreut mich auf der einen Seite sehr aber er macht mich auch sehr traurig.

Ich habe das Leben mit meinem Mann gerne gelebt. Ich war gerne mit ihm verheiratet und stolz, seine Frau zu sein. Er war immer für eine Überraschung gut und hat das Leben genossen. Er hat mir gute Dinge gegönnt, das fand ich immer sehr nobel von ihm. Er hat mir zum Beispiel Badewasser eingelassen, ein Glas Sekt an die Badewanne gestellt und Kerzen angemacht und wollte, dass ich mich relaxe und erhole vom stressigen Tag.

Er hat mir oft einfach einen Kaffee hingestellt oder abends ein Glas Wein. Er war kein Mann der sich bedienen lässt, sondern er hat viel für mich getan und das mit Freude. Immer sehr hilfsbereit und hat mich auch im Haushalt unterstützt. Wir haben es sehr genossen uns abends einen gemütlichen Abend zu machen.

Wir konnten uns alles erzählen und für uns war klar, dass wir eine gemeinsame Zukunft wollen. Dass diese Zukunft nur neun Jahre anhält, hätte ich mir nie träumen lassen.


Dunja ist heute 54 Jahre alt. Sie hat fünf Kinder geboren, vier Mädchen und einen Jungen. Ihr erstes Mädchen ist leider gestorben, es war eine Totgeburt. Sie ist in Deutschland aufgewachsen und mit 21 Jahren nach Amerika gezogen wo sie 26 Jahre gelebt hat. Nach Volkers Tod hat sie sein Restaurant übernommen und einige Jahre noch erfolgreich geleitet – vor sieben Jahren ist sie mit ihrem Sohn in die Heimat zurückgekehrt: ins Rheingau, eine wunderschöne Weingegend zwischen Rüdesheim und Wiesbaden.

Ich liebe meine Heimat doch ich vermisse auch meine Töchter aus erster Ehe, die weiterhin in USA leben.