Interview: Dominique (28) aus Berlin

Dieses Interview erzählt Dominiques Geschichte… Ihr Lebensgefährte Luis starb 2016. Ihr Name und der von Luis sollen nicht anonymisiert werden, denn sie möchte am liebsten der ganzen Welt sagen, wie sehr sie ihn liebt und dass sie für immer zusammen gehören…

Was für ein Mensch war dein Freund?

Luis ist ein meditativer Mensch. Er hat mir von Anfang an eine tiefe Ruhe und Gelassenheit rübergebracht, und unheimlich viel Geduld. Er gibt mir viel Ruhe, und es ist seit Beginn an diese tiefe Ebene zwischen uns, für die es gar keine Worte braucht und gibt.

Er hat im Jetzt gelebt und hat sein Leben hier auf der Welt genossen und nicht verschwendet. Er lacht viel, sucht immer das Positive von allem… Und wenn es schwer ist, dann mit aller Kraft… Er hat sich Sonnenuntergänge angeschaut, liebt die Natur, und er hat ganz viele Reisen gemacht. Er ist sehr gesellig, liebt es mit Menschen zu feiern und hat viele Freunde. So viele Herzen hat er berührt und bei so vielen Menschen hat er Spuren hinterlassen. Es gibt so viele Menschen, die ihn jetzt vermissen… Und er sieht immer das Positive in jeglicher Situation, ist dankbar für das, was er hat. Und er hat mir beigebracht, nicht die Hoffnung zu verlieren, an sich zu glauben und immer einen Traum zu haben, dem man folgt… Man muss immer einen Traum haben, ein Ziel, das ist wie ein Leuchtturm, dem man folgt; das sagt er immer zu mir. Ich durfte so unglaublich viel von seiner Persönlichkeit und ihm als Mensch lernen und mitnehmen, für das ich für immer unfassbar dankbar sein werde. Ich kann nur beten, dass er meine Dankbarkeit spürt. Er hat mir soviel beigebracht, und das tut er auch weiterhin. Unsere Geschichte und unsere Liebe ist das, was am tiefsten in meinem Herzen ist und mich bei jedem Schritt begleitet. Ich trage alles mit tiefer Dankbarkeit, Stolz und Liebe mit mir, egal wo ich hingehe. Seine Liebe ist immer und jeden Tag bei mir. Seine Liebe, sein großes positives Herz und alles, was ich von ihm gelernt habe, leitet mich für den Rest meines Lebens.

Welche Bedeutung hatte dein Freund in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Unsere Geschichte hat uns beigebracht, dass es die ewige, echte Liebe tatsächlich gibt. Diese eine Liebe, die allem trotzt und jenseits von aller Angst, Ego, Stolz oder verletzten Gefühlen liegt. Die alle Hindernisse und Distanzen überwindet… Und die stärker ist als alles andere. Und sie dauert an, auch jetzt; sie überdauert den physischen Tod. Sie ist ewig. Nur weil sein Körper eine Krankheit hatte, ist unsere Liebe nicht weg. Die Liebe stirbt nie.

Die Bedeutung, die Luis für mein Leben hat,  kann ich jetzt wahrscheinlich immer noch nicht einschätzen. Sie ist enorm groß und ich kann jetzt mit meinen 28 Jahren mit voller Gewissheit sagen, dass er die Liebe meines Lebens ist. Ich weiß, wir werden für immer zusammen sein, und das, was mir mit ihm passiert ist, wird mich für immer begleiten und ich werde auch weiterhin davon lernen. Luis hat mich zu einem reiferen und besseren Menschen gemacht, er hat mich zu einer tieferen Version des Lebens und meines Selbst gebracht. Er ist immer bei mir, ich spüre ihn und nehme ihn mit. Die Interviewfrage ist in Vergangenheit gestellt, doch für mich ist das alles keine Vergangenheit, denn er ist hier bei mir und das wird er auch bleiben. Ich weiß, dass er mich niemals verlassen hätte. Und das hat er auch nicht.

Luis hat einen riesig großen Platz in meinem Leben, in meinem Herzen und meiner Seele, in meinen Gedanken. Ich weiß, dass ich ohne ihn nicht die wäre, die ich jetzt bin, und ich weiß auch dass er der einzige Grund ist, warum ich jeden Tag weiterkämpfe, nicht aufgebe, um meinen Weg in diesem Leben zu finden und zu gehen. Bis wir uns endlich wiedersehen.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Es war am 1.8.2016, und es ist als wäre es gestern gewesen. Ich war 27 Jahre alt. Ich habe mit 27 Jahren meine große Liebe verloren, und damit alle meine Zukunftspläne, die auf dem basierten, was wir gemeinsam 4 Jahre lang aufgebaut haben. Ich war nicht bei ihm, als er seine Augen geschlossen hat, er war in Peru bei seiner Familie und lag im Krankenhaus. Ich war ein paar Wochen zuvor noch bei ihm gewesen, bin dann nach Deutschland, um ein paar Dinge zu regeln, und wollte dann wieder nach Peru. Mein Flug wäre am 9.8. gewesen. Die Schuldgefühle und Selbstvorwürfe diesbezüglich erdrücken mich, ich verurteile mich selbst auf emotionaler Ebene sehr. Es ist sehr schwierig, damit innerlich einen Frieden zu finden.

Ich habe den Flug eine Woche später nicht wahrgenommen. Diese Nachricht hat alles in mir zerstört, ich konnte nicht mehr atmen und mich nicht mehr bewegen. Es war, als sei ich mit ihm gestorben. Was in diesem Moment mit mir passiert ist, kann ich nicht in Worte fassen. Und auch bis heute nicht begreifen.

Durch Gespräche mit Luis‘ Familie und seinen Freunden habe ich erfahren, dass der Tumor schließlich auf seine Lunge gedrückt hat und Luis nicht mehr atmen konnte. Und Ich konnte nicht mal seine Hand halten. Es ist alles unfassbar; das Gefühl und die Gedanken daran erdrücken mich.

Woran ist er gestorben?

Er hatte Krebs. 7 Monate hat er gekämpft, und nicht die Hoffnung verloren. Er hatte in manchen Momenten Angst, aber wir haben uns immer wieder Kraft gegeben und gewusst, er schafft das. Zum Schluss ging es so schnell, niemand hat damit gerechnet dass es so schnell gehen könnte.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Es gibt ganz viel, was für sich genommen das Schlimmste war und ist. Ich habe ein Gefühl des Nicht-Aushalten-Könnens, was am Anfang permanent da war und auch heute noch in manchen Momenten wiederkommt. Wenn ich spüre, dass ich Luis in diesem Leben nicht mehr in die Augen schauen kann, ihn nicht mehr küssen kann, nicht mehr seine Stimme hören kann, ihn nicht mehr anfassen kann, ihn nicht anrufen kann um mich mit ihm auszutauschen. Und dass sich das nicht ändert, egal wie viel ich kämpfe.
Doch ich weiß und habe gemerkt, dass Luis nicht weg ist, sondern immer bei mir ist und mich beschützt. Er ist da, ich muss ihm nur zuhören und all meine Sinne offen halten…Und ich werde für ihn mit weiterkämpfen und –leben, und den Traum, den wir beiden gemeinsam für unser Leben haben, weiter verfolgen. So ist er immer nah bei mir. Und so werden wir doch noch zusammen unseren Traum verwirklichen, wenn auch in anderer Form.

Seitdem mir dieser Verlust passiert ist, habe ich ein Gefühl der Sprachlosigkeit in mir drin. Keine Worte können wirklich beschreiben, wie ich mich fühle und was mit meiner Seele passiert ist. Ich kann es nicht ausdrücken. Obwohl ich es gerne würde. Und gleichzeitig kann ich es aber auch selbst gar nicht begreifen… Ich kann nicht gut mit den Worten „Tod“ und „gestorben“ umgehen, denn diese klingen so, als sei Luis „weg“. Doch er ist nicht weg, ich spüre ihn ganz deutlich bei mir und weiß, er kann gar nicht weg sein. Das macht es für mich manchmal so unbegreiflich… Ich bin unermüdlich auf der Suche nach Luis, lese viel über den Tod und auch über Nahtoderfahrungen, also von Leuten, die schon dort waren, wo Luis jetzt ist. Einige Male habe ich auch schon mit ihm kommunizieren können.

In Bezug auf meine Umwelt habe ich zwischen mir und meinen Mitmenschen ganz deutlich eine Trennwand gespürt, die ich eigentlich auch bis heute spüre. Ich merke, wie die Leute einen nicht verstehen, sie wissen überhaupt nicht wie man sich fühlt, und schon gar nicht, wie sie mit einem umgehen sollen. Ich habe mich bei fast meiner ganzen Außenwelt gefühlt wie eine Aussätzige, mit der keiner mehr umgehen kann und mit der nichts mehr stimmt. Dadurch fühlt man sich selbst so falsch, als wäre alles was man tut und fühlt einfach nur falsch.
Nur ganz, ganz wenige Menschen, vielleicht einer oder zwei, die mir zuvor aber auch nicht nah standen bzw. die ich vorher gar nicht kannte, haben mich so genommen, wie ich bin. Haben mich weinen lassen. Und haben mir das Gefühl gegeben, dass alles mit mir in Ordnung ist, und dass es sogar gut ist, zu weinen und zu schreien. Das waren Menschen, die den Schmerz kennen, die auch schon jemanden verloren haben oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Somit habe ich angefangen, die Welt einzuteilen, in Menschen, die den Schmerz kennen und wirklich wissen, wovon sie reden und wie man sich fühlt, und Menschen, die keine Ahnung haben und es einfach bloß selbst nicht aushalten, wenn ein anderer Mensch ein so heftiges Gefühl hat, das er nicht tragen kann, und die deshalb denken, dass man zweimal weint und dann geht das Leben einfach weiter.
Den Satz „Das Leben geht weiter“ konnte ich von Anfang an nicht ertragen. Denn das Leben geht nicht weiter. Es gibt so viele Leute, die mir das gesagt haben, und ich habe mich gegen alle gesträubt. Die Leute möchten, dass man einfach aufhört zu weinen und fröhlich ist, damit sie einen selbst besser aushalten können. 

Meine engsten Leute in meinem Umfeld habe ich nach Luis‘ Tod verloren. Ich hatte zuvor einen guten Freundeskreis, darunter eine Freundin und einen Freund, die seit Jahren meine besten Freunde waren – und die sich nun seitdem alle nicht mehr bei mir gemeldet haben. Keiner hat mich gefragt, wie es mir geht, keiner war da. Nichts.
Das hat natürlich gezeigt, dass sie keine Freunde sind. Und ich will sie auch alle nicht mehr in meinem Leben haben. Es ist eine starke Enttäuschung, für die mir ebenfalls die Worte fehlen. Mehr denn je hätte ich jemanden gebraucht, der mich in den Arm nimmt.

Ganz schlimm hat sich die Situation auch auf die Beziehung mit meiner Mutter ausgewirkt. Sie sah direkt zu Anfang, dass es mir unheimlich schlecht geht, und wollte mir helfen. Aber sie war ungeduldig und überfordert, wollte, dass ich nach einer Woche wieder fröhlich bin und hat mir nach ganz kurzer Zeit Vorwürfe gemacht, warum ich denn nicht wieder funktioniere. Sie hat mir keinen Raum gelassen für meine Gefühle und mir nur rückgemeldet, wie schlimm ich aussehe. Sie konnte es nicht ertragen, mich so zu sehen. Somit habe ich mich von ihr zurückgezogen, habe keinen Kontakt mehr mit ihr gesucht. Ich habe ausschließlich nach Orten gesucht, die mich irgendwie haben überleben lassen. Doch dass ich mich von ihr ferngehalten habe, war noch schlimmer für meine Mutter, da sie sich Sorgen gemacht hat und von mir zurückgewiesen fühlte. Somit machte sie mir immer weiter Vorwürfe und fühlte sich von mir angegriffen. Dieses schwierige Verhältnis zwischen uns mitzutragen drückte mich noch weiter runter – es hat die Situation natürlich nur verschlimmert und mich immer weiter von ihr weggetrieben. Bis heute zieht sich dieses Verhältnis zwischen uns so hin; es ist nicht wieder das Gefühl von tatsächlichem gegenseitigem Verständnis entstanden. Sie versteht mich nach wie vor nicht, und bezieht alles, was passiert ist, auf sich und auf die Beziehung zwischen ihr und mir, und versteht gar nicht, dass es in meiner Welt gar nicht um sie geht.

Ich habe alles verloren, als mein Freund den Kampf gegen den Krebs verloren hat. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so einsam gefühlt. Alles in mir drin und um mich herum ist über mir und unter mir zusammengebrochen und in Flammen aufgegangen. Ich habe wochenlang nichts gegessen, konnte mich kaum bewegen und atmen. In manchen Momenten habe ich das Gefühl, nicht atmen zu können, auch heute noch. Da ich zu dem Zeitpunkt keine eigene Wohnung hatte (ich wollte ja eigentlich wieder zurück nach Peru), wusste ich nicht, wo ich unterkommen kann, und wo der Weg ist in meinem Leben. Ich wusste einfach nur dass das Leben nicht weitergeht. Und ich habe von allen Seiten nach sehr kurzer Zeit einen Druck gespürt, dass ich ja weitermachen muss mit meinem Leben und so nicht weiter leiden kann. Da ich nicht mehr wusste, wohin, bin ich dann aus einer Alternativlosigkeit und einer Hals-über-Kopf-Entscheidung heraus den Jakobsweg gelaufen, auf dem ich dann 7 Wochen unterwegs war. Ich wollte Zeit für mich. Weinen, soviel ich will. Ohne, dass ich auf jemanden Rücksicht nehmen muss oder mich anpassen muss und mir jemand sagt, dass ich ja nicht weinen brauche oder soll. Ich wollte allein sein, nach Gott suchen und Antworten bekommen, was eigentlich passiert ist mit Luis. Ich wollte verstehen… Wo ist Luis jetzt? Was ist passiert?

Der Jakobsweg war ein sehr wichtiger Weg für mich, auf dem ich sehr viel geweint habe; Gott, Luis und mir selber näher gekommen bin. Ich habe mein Herz gehört, und verstanden, dass ich nur dann bei Luis sein kann, wenn ich meinem Herzen zuhöre. Durch die viele Zeit mit mir selbst habe ich den Schmerz pur, ohne Ablenkung spüren können. Der Weg hat mich an meine emotionalen Grenzen geführt, und mir gleichzeitig gezeigt, dass ich meinem Herzen vertrauen kann. Dort ist Luis. Wenn ich alle Sinne aufmache und mein Herz spüre, dann kann ich Luis begegnen.
Ich habe gelernt, dass ich dem Weg vertrauen muss, und dass er mich immer weiterführt. Egal, wie sehr man verzweifelt, weint, und nicht mehr kann. Die Pfeile führen einen trotzdem weiter. Und man muss nicht jetzt sofort wissen, wie er weitergeht. Der Weg leitet einen, automatisch.
Und doch war der Jakobsweg kein Heilungsrezept – ich bin die 800 Kilometer zu Ende gelaufen, und trotzdem stand ich zum Schluss vor der Kathedrale in Tränen, denn auch dieser Weg hat mir Luis nicht zurückgebracht. Soweit war ich gelaufen um nach ihm zu suchen, doch Luis bleibt tot.
Ich sehe den Jakobsweg als den Anfang meines Caminos, meines Weges, der mit der Ankunft an der Kathedrale nicht geendet hat. Es ist mein Weg, auf dem Luis mich immer begleitet. Er geht immer weiter und führt mich an Orte, zu Menschen und an Erfahrungen, deren Begegnung alle einen Sinn haben und die mich etwas lehren sollen. Das soll so sein, es gibt einen Grund und vielleicht einen Auftrag, wegen dem ich noch hier auf der Welt und in meinem Körper bin. Jeder Schritt ist ein Schritt zu mir, und wird mich zu Luis führen. Und irgendwann werde ich ihn wiedertreffen.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich glaube, ich hätte nichts anders machen können. Nichts anderes war möglich für mich, als es so zu machen, wie ich es gemacht habe. Ich habe von Anfang an des Prozesses versucht und versuche auch bis heute, das Beste für mein Herz und für Luis zu tun.

Es gab und gibt auf diesem Weg eine Million Rückschläge – wenn ich gedacht habe, mich ansatzweise ein bisschen aufgerichtet zu haben, falle ich wieder hin. Aber es hat alles seinen Grund. Und auch, wenn ich schon unendlich oft gedacht habe, ich kann nicht mehr… Ich gebe nicht auf. Und ich weiß genau, was Luis zu mir sagt: Jedes Hindernis auf dem Weg birgt die Chance, seine eigene Kondition zu verbessern und zu wachsen.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Am meisten geholfen hat es mir (und tut es bis heute), zu weinen und alles raus zulassen. Immer wieder. Sich zu erlauben, man selbst zu sein und sich nicht zu verstellen; auf sein Herz zu hören. Auch wenn das soziale Beziehungen verändert oder beendet.

Es fällt mir schwer, zu sagen, was mir geholfen hat oder was mir gut tat, denn eigentlich hat mir nichts wirklich geholfen. Ich habe in den Wochen und Monaten nach dem Verlust immer nur das gemacht, was mich hat einigermaßen überleben lassen. Da war nichts „Gutes“ oder etwas „Richtiges“, was ich hätte machen können. Alles war falsch. Ich habe mich währenddessen oft gefragt, ob es richtig ist, den Jakobsweg zu laufen. Und irgendwann habe ich für mich festgestellt, es gibt nichts „Richtiges“, sondern das hier ist jetzt einfach mein Weg. Hier verläuft er lang. Geh ihn einfach.

Was ich aber doch sagen kann, ist, was mir diese heftigen Trauergefühle hin und wieder erträglicher bzw. aushaltbarer gemacht haben und machen… Und zwar waren und sind es die Menschen, die meinen Schmerz wirklich anerkannt haben. Ich sehe das immer bildlich: Ich habe mich immer am Wegesrand auf dem Boden liegend gesehen, mit gebrochenen Beinen. Mit gebrochenen Beinen kann man nicht laufen. Und alle Leute sind nur so an mir vorbeigezogen, haben vielleicht höchstens mal kurz geschaut und gesagt „Komm schon, wir müssen weiter, komm doch mit“, und sind dann aber einfach verständnislos weitergelaufen, als sie gemerkt haben, dass ich nicht mitkomme. Sie haben gar nicht registriert, dass ich gebrochene Beine habe. Nur ganz, ganz wenige haben wirklich gesehen, dass ich gar nicht weiter kann, dass ich gar nicht laufen kann. Das waren sehr wenige Menschen, und zwar zum einen Menschen, die ich auf dem Jakobsweg kennengelernt habe, und zum anderen Menschen, die ich dann später in Peru um mich hatte, wo ich 2 Monate später hinreiste, um meinen Gefühlen weiter nachzugehen. Und diese Menschen haben sich zu mir an den Wegesrand gesetzt, und sind geblieben. Ein paar nur für eine Zeit – für die ich trotzdem sehr dankbar bin, da sie mich einfach gesehen haben – und ein paar sind bis heute geblieben, wofür ich sehr dankbar bin. Und ein paar von ihnen waren bei mir, als ich irgendwann, wackelig, wieder den Versuch machen konnte, aufzustehen.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Weine. Schreie, lebe alles aus. So viel und so lange du willst. Nimm dir soviel Zeit, wie du brauchst. Und es ist völlig richtig, wie du dich fühlst, weil du so sehr liebst. Das ist ein unaushaltbarer Schmerz. Aber hör deinem Herzen zu, es ist ganz wichtig, was es sagt. Es weiß immer besser was wahr ist, vor allem als irgendwelche Menschen um dich herum, die nicht verstehen können, wie du dich fühlst, und die kein Teil eurer Beziehung sind.

Vertraue deinem eigenen Gefühl, es ist immer richtig, völlig egal, wie viele Menschen an dir reißen und sagen „Schau nach vorne“, „Schließ damit ab“ etc. Auch wenn du nach 5 Jahren oder 20 Jahren immer noch so traurig bist, ist daran nichts falsch. Es ist eure Beziehung. Hör auf dich und hör auf deinen Freund.

Und falls du denkst, dass du nie wieder glücklich werden kannst… Dieser Schmerz wird dich niemals loslassen, aber er verändert sich. Und du musst deine Liebe und deinen Freund nicht zurücklassen, du nimmst ihn mit und kannst mit ihm weiterleben. Wenn auch in veränderter Form. Er ist ein Teil von dir. Höre auf dein Herz, und vertraue dem Leben. Lebe was du fühlst.

Wie denkst du heute über deinen Freund und seinen Tod?

Ich denke in voller Liebe an Luis, wissend, dass er immer bei mir ist.

Auch wenn ich ihn nicht immer oder in jeder Situation spüren kann, weiß ich, dass er auch in solchen Momenten auf mich aufpasst. Manchmal bin ich sehr traurig, wenn ich ihn bewusst spüren will, ihn rufe, aber es mir nicht gelingt. Aber dann spüre ich seine Anwesenheit wieder in einer anderen Situation.

Ich habe gelernt, dass der Trauerprozess kein Prozess ist, der auf den Tod eines geliebten Menschen folgt und den man einfach zu Ende durchlaufen muss. Dieser Weg ist niemals vorbei, er endet nicht; man muss ihn gehen, aber man wird niemals „ankommen“. Ich werde Luis mein ganzes restliches Leben vermissen. Es ist kein Prozess, der irgendwann abgeschlossen ist. Trauer ist vielmehr ein Weg der Akzeptanz, der Anpassung, der Aufnahme. Nicht etwas, was man vollenden muss, um danach weiterzumachen, sondern etwas, was andauert; sich immer wieder verändert, aber bleibt. Es ist eine Veränderung des Seins und eine neue Art, zu sehen. Eine neue Einordnung und Empfindung des Lebens und des Selbst.

Wie hat dich der Tod deines Freundes verändert?

Seit Luis physisch nicht mehr da ist hat sich mein Leben komplett verändert. Ich bin zerbrochen in tausend kleine Stücke und bin auf der Suche; nach mir selbst, Luis und Gott, bzw. dem was da über uns allen ist und was uns alle leitet. Ich will intensiver leben, und echter. Ich habe gemerkt und gelernt, dass man in etwas vertrauen muss, was man nicht kontrollieren kann.

Äußerlich hat sich auch sehr vieles geändert, so hat sich mein soziales Umfeld natürlich ganz stark verändert. Mit meinem früheren Freundeskreis habe ich keinen Kontakt mehr, und ich suche vorwiegend Leute auf, die ähnlich interessiert sind wie ich bzw. die einen Sinn für das haben, was man nicht mit dem bloßen Auge sehen kann bzw. was nicht wissenschaftlich erklärbar ist. Leute, die mich nicht verstehen oder ernst nehmen, lasse ich ziehen.

Innerlich bin ich ruhiger geworden, suche mehr die Stille und weniger Ablenkung. Denn in der Ruhe und Stille kann ich mein Herz am besten hören und Luis finden. Ich brauche viel Zeit mit mir selbst, und habe angefangen, zu meditieren.

Außerdem bin ich spiritueller geworden, interessiere mich stark für die geistige und spirituelle Welt und das Jenseits bzw. was beim Sterben und danach mit uns passiert. Ich lese viel darüber, vor allem wie man im Buddhismus mit dem Tod umgeht und wie man ihn annehmen kann. Ich setze mich mit Gott auseinander und habe ihn in gewisser Art und Weise gefunden. Oft bete ich auch.

Die Tatsache, dass Luis viel zu früh auf die andere Seite gehen musste, hat mich sehr viel bewusster gemacht. Ich plane weniger meine Zukunft durch, und bin dabei, mehr im Jetzt zu leben und mich mehr leiten zu lassen, vom Leben und von Gott. Wir wissen nicht, wann wir sterben werden, und ich möchte soviele schöne Momente vom Leben mitnehmen, wie es geht. Und das geht nur im Jetzt… Ich möchte so intensiv leben wie es geht, immer meinem Herzen folgen und nichts mehr aufschieben. Ich möchte, egal wann ich sterben werde, sagen, dass ich das Leben genossen habe und soviel mitgenommen habe, wie es geht. Dass ich alles dafür getan habe, meine Träume zu verwirklichen.

Und trotzdem habe ich keine Angst vor dem Tod. Ich weiß, dass es danach weitergeht und dass ich dort Luis wiedersehen werde. Das ist für mich eine so schöne Vorstellung.

Natürlich hat der Verlust auch den Prozess in Gang gesetzt, dass ich mein ganzes Leben infrage gestellt habe, mich gefragt habe, wer ich eigentlich bin und wie ich mein Leben leben und gestalten will. Und ich habe auch eine Vision, einen Traum, den ich verwirklichen möchte. Im Moment ist er noch vage, aber ich steuere dort hin. Ich weiß, dass ich etwas in mir habe, weswegen ich auf dieser Welt bin und was ich aus mir rausholen möchte, um meinen Beitrag zur Welt zu leisten.

Manchmal fällt es mir schwer, dass ich mich immer wieder in Situationen wiederfinde, in denen meine Sehnsucht und mein Beschluss, nur noch das zu tun, was mein Herz mir sagt, sozusagen mit der „Realität“ oder dem „System“ kollidieren. So muss ich beispielsweise meinen Traum, langfristig in Peru zu leben, nun doch erstmal wieder aufschieben, bis ich genügend zusammengespart habe.

Doch ich weiß, auch dieser Schritt hat seinen Grund und will mich etwas lehren. Auch diesen Schritt muss ich mitnehmen. Jedoch ist es noch sehr schwer für mich, da ich nach wie vor verletzlich und sehr wackelig auf den Beinen bin. 

Luis, ich weiß du bist da und kannst mich hören, sehen, spüren. Wir beide werden immer zusammen sein. Ich bin so unendlich dankbar für alles; dass ich dich getroffen habe und alles, was du in mein Leben und mein Herz gebracht hast. Wir sind beide miteinander gewachsen, und tun das auch weiterhin. Du bist das Beste und Wertvollste, was mir in meinem Leben passiert ist. Wir beide haben das, was alle suchen. Und egal, was mir noch in meinem Leben passieren wird, oder ob ich morgen sterbe – es ist bereits jetzt so unheimlich lebenswert gewesen, allein weil mir deine Liebe geschenkt wurde und weil ich dich kennenlernen durfte.

Ich liebe dich, für immer

Dominique ist 28 Jahre alt und lebt im Moment in Berlin, wo sie als Heilpädagogin in einer Kita arbeitet. Jedoch ist Berlin nur eine Übergangsstation für sie – sobald sie es finanziell möglich machen kann, möchte sie langfristig in Peru leben – wo sie eigentlich gemeinsam mit Luis leben wollte…


Kein Kommentar

  • I.

    Danke für deine tollen Worte!!! Ich war 31 als ich Witwe wurde. Mein Mann war und ist auch meine große Liebe und ich seine. Ich kann vieles aus sehr nachempfinden. Danke, dass du dafür so tolle Worte gefunden hast!!!

Danke für Deinen Kommentar: