Interview: Annika* (28)

Annika* erzählt von ihrem Sohn, der im August 2015 mit 3 Jahren verstarb. Sein halbes Leben hat er intensiv gegen den Krebs gekämpft.


Was für ein Mensch war dein Sohn?

Leon* hatte mit seinen gerade mal drei Jahren schon viel Persönlichkeit. Mir wurde mal vom Team der Kinderonkologie gesagt, dass Kinder während dieser Therapie unheimlich reifen und am Ende geistig oft weiter sind als „gesunde“ Altersgenossen. Ich kann dies bestätigen. Er war sehr feinfühlig für sich und sein Umfeld. Er musste schon sehr früh lernen, wo seine körperlichen Grenzen sind und hat daraus geistig sehr viel Reife erfahren. Leon* konnte schon sehr schön sprechen, komplexe Zusammenhänge erkennen. Er war wissbegierig und überraschte mich immer wieder, wie schnell er sich Sachen merken konnte.  Seine absolute Vorliebe: Bagger und Elvis. Daraus entstanden viele wundervolle und lustige Momente – denn Humor hatte er schon wie ein Großer 🙂

Welche Bedeutung hatte dein Sohn in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Mein Sohn hat mir gezeigt, worauf es wirklich im Leben ankommt. Es war eine sehr intensive Beziehung – auch bedingt durch seine Erkrankung. Unsere Lebensumstände hatten sich (dank der Mithilfe unserer Familien) so entwickelt, dass ich mich komplett auf ihn konzentrieren konnte. Ich wollte ihm von Anfang an (schon im Bauch) einen guten Start in das Leben ermöglichen, ihn mit meiner Liebe zu einem tollen Menschen heranwachsen lassen. Er fand viel Sicherheit in körperlichem Kontakt – für mich sehr normal und darum habe ich es ihm gerne gegeben. Und auch mir hat es viel gegeben – ich konnte meine Akkus aufladen, ich habe wieder zu mir, zu uns gefunden.. um das Wesentliche zu erkennen. Und das Wesentliche für mich ist Familie. Die Liebe zu einem Kind ist mit nichts zu vergleichen.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Mein Sohn starb 2015 – da war ich gerade 26 Jahre alt. Ich erinnere mich mit einer großen Dankbarkeit, aber auch mit tiefem Schmerz an seinen Tod. Er durfte zuhause in meinen Armen einschlafen. Ich bin die letzten Tage kaum von seiner Seite gewichen. Ich bin dankbar, dass wir die Ruhe daheim hatten, dass er in Ruhe und Frieden, ohne Schmerzen gehen durfte. Denn das hatte er nach seinem langen Kampf verdient. Dennoch riss es mir den Boden unter den Füßen weg. Die Luftwege zugeschnürt, das Herz erdrückt. Ich wusste nicht wohin mit meinem Schmerz.

Woran ist er gestorben?

Er verstarb an einer aggressiven Tumorerkrankung im Bauchraum. Mit 1,5 Jahren wurde der Tumor gefunden, seit diesem Zeitpunkt hatte er eine intensive Therapie aushalten müssen. Sah es anfänglich gut aus, kam pünktlich zu seinem 3. Geburtstag das Rezidiv – und damit die Gewissheit, dass der Krebs stärker ist.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Das Schlimmste für mich war, ihm wirklich nicht mehr helfen zu können. Dass dieser kleine, unschuldige und liebenswerte Mensch, so viel aushalten musste und nicht mit einem „gesunden“ Leben belohnt wurde. Letztlich musste ich versuchen, diese Gedanken beiseite zu schieben und habe mich von ihm „leiten“ lassen. Das, was er brauchte, hat er sich eingefordert. Das, was er noch machen konnte, hat er gemacht. Wir haben sozusagen alle Regeln über Bord geworfen.. denn es galt, die Zeit, die uns blieb, zu genießen.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich bin insgesamt sehr offen mit der Trauer umgegangen. Denn ich dachte: Wenn ich nicht darüber rede, wer soll es dann tun? Dennoch habe ich immer versucht, andere zu „schützen“. Ich wollte sie nicht hilflos, nicht traurig machen. Somit hab ich auch viel versteckt, habe mich verstellt, Rücksicht genommen. Ich hatte Angst, mit dem „gesunden“ Egoismus (der in dieser Phase eigentlich verständlich wäre), die Menschen um mich herum zu verlieren. Heute denke ich schon anders darüber, auch wenn ich dieses Verhalten noch nicht ganz abgelegt habe.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Zu dieser Zeit war ich absolut dankbar, eine sehr einfühlsame und vertrauensvolle Hausärztin zu haben. Sie nahm mir jeglichen Druck, schnell wieder „funktionieren“ zu müssen. Ihre Praxis empfahl mir damals auch meine Trauerhilfe, die mir nachfolgend ebenfalls eine große Hilfe war. Sie machte mir vor allem Mut, meinen Weg so weiterzugehen, alles so anzunehmen, wie es kommt. Besonders blieb mir ihre Darstellung im Gedächtnis, dass TrauerARBEIT enorm viel Energie fordert. Von außen kaum zu sehen, aber es passiert so viel im Körper – weshalb ich mich auch überwiegend erschöpft und müde fühlte. Ich habe immer wieder neue, kreative Wege gefunden, meiner Trauer Ausdruck zu verleihen – denn manchmal fielen mir gesprochene Worte schwer. Ich malte, schrieb Tagebuch, spielte Schlagzeug. Darüber hinaus habe ich mich selbst zum Sport herausgefordert – um mich anders zu spüren. Ich habe Krafttraining in einem angenehmen Rahmen angefangen und es half mir, körperliche Beschwerden zu lindern UND (ganz wichtig) vor die Tür zu gehen, mich mit Menschen auseinanderzusetzen.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Es ist schwer – das muss man nicht schön reden. Es ist anstrengend und raubt Kräfte. Aber es ist eine Chance. Sein Leben zu überdenken. Es öffnen sich manchmal ungeahnte Türen. Man kann wunderbare Begegnungen aus dieser Zeit mitnehmen. Genauso können sich aber auch Beziehungen auflösen. Wichtig ist: Man muss versuchen, bei sich zu bleiben. Was brauche ich gerade? Was tut mir gut? Was bekomme ich nicht hin? Wobei benötige ich eventuell Hilfe? Wenn man diesen gesunden Egoismus vorher noch nicht so ganz leben konnte, wird man in dieser Lebenslage gnadenlos damit konfrontiert – denn die Quittung folgt irgendwann.

Wie denkst du heute über deinen Sohn und seinen Tod?

Er ist das Beste, was mir in meinem bisherigen Leben passiert ist. Kurz nach seinem Tod dachte ich, ich werde nie wieder etwas so Schönes wie ihn in meinem Leben bekommen. Ich empfand seinen Tod damals als unfair. Heute weiß ich, er hat seinen Frieden. Er muss nicht mehr leiden, keine Schmerzen aushalten. Über „hätte“, „wenn“ und „aber“ darf ich nicht nachdenken. Aber nach über zwei Jahren kann ich  das auch erst ansatzweise „leben“.

Wie hat dich der Tod deines Sohnes verändert?

Ich habe die Beziehungen und Begegnungen in meinem Leben noch mehr geschätzt, als vorher. Aber ich habe auch gelernt, dass ich nicht immer alles dafür geben muss. Genauso kann ich mich von Menschen und Dingen besser lösen, die mir nicht gut tun, ohne mich komplett mit einem schlechten Gewissen herumzuplagen. Die Erkenntnis über diese Dinge ist mehr ins Verstehen und Fühlen übergegangen – aber noch lange nicht komplett in die Umsetzung. Es ist ein langer, anstrengender Weg, an sich zu arbeiten, Dinge zu ändern, die einem selbst nicht gut tun. Ich habe gelernt, mehr in mich hineinzuhören, was ich wirklich brauche und möchte. Mich nicht immer unterzuordnen. Ich hab die Chance, zu mir zu finden. Ich hab am eigenen Leib erfahren, wie schwer tiefe depressive Episoden sein können. Ich habe noch mehr erkannt, was für ein Geschenk es ist, Kinder zu bekommen. Ich habe noch mehr verinnerlicht, wie wichtig die kleinen Dinge im Leben sind – Liebe, Zuneigung, Lachen, ein gutes Wort. (Wenn dies alle Eltern der Welt erkennen würden..)

Wir haben nur dieses eine Leben, die Zeit vergeht viel zu schnell. Ich wage mehr, „mache einfach“. Man kann sich viel kaputt denken, statt es zu machen.

Ich vermisse die Momente, in denen wir uns aneinander gekuschelt haben, du mit deinen kleinen zarten Fingern in meinen Haaren gespielt hast, damit du einschlafen konntest. Ich vermisse den Klang deiner Stimme. Ich vermisse es, dir dabei zuzusehen, wie du mit deiner kleinen Gitarre Elvis imitierst und das Kribbeln in meiner Herzgegend zu spüren, das mir zeigte, wie stolz du mich machst. Der Moment, wenn du deine kleinen Arme um meinen Hals gelegt hast, wenn ich dich trug. Dein süßes, verschmitztes Lachen, von dem ich nie genug bekam.

Annika* ist gelernte Gesundheits- und Krankenpflegerin, derzeit erwerbslos, da sie die Trauer nach über 2 Jahren noch einmal überrollt hat. Sie hat nach langer Prüfung ihrer Bedürfnisse den Vater ihres Sohnes verlassen und Linderung in Arbeit und einer neuen Wohnumgebung gefunden. Dadurch hat sie wundervolle Menschen kennengelernt – schließlich auch ihren jetzigen Lebensgefährten. Für sie ein Geschenk des Himmels:

Es ist kein Zufall, dass er in mein Leben kam. Ich bin in seine Stadt gezogen, habe gemerkt, dass mir der Abstand zu vielen Dingen gut tut. Ich denke, mein derzeitiges Trauertal ist kein Zufall und ich nehme es als Chance, nun durch andere Wege wieder den Hügel hinaufzukommen, um die Sonne sehen zu können.

*Name geändert


Danke für Deinen Kommentar: