Interview: Sophie (27) aus Lübeck

Sophie erzählt von ihrem Bruder. Stefan hat mit 20 Jahren Suizid begangen, als sie 16 war.

Was für ein Mensch war dein Bruder?

Stefan war ein humorvoller Mensch. Er liebte Sarkasmus. Er war aber außerdem auch sehr introvertiert, wenn es darum ging über seine Gefühle zu sprechen. Er hatte viele Freunde und war dort sehr beliebt. Er mochte Filme sowie Musik und spielte gerne Computer. Er war stets für einen da, wenn man ihn brauchte. Genoss es aber auch, einfach mal für sich alleine zu sein und nicht reden zu müssen.

Welche Bedeutung hatte dein Bruder in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Große Bedeutung. Hat mich 16 Jahre meines Lebens begleitet. Typische Geschwisterbeziehung. Wir konnten nicht mit und nicht ohne einander. Hatten immer sehr viel Spaß in der Kindheit. Je älter wir wurden, desto mehr konnte man sich über das Leben austauschen. Ich konnte mich immer auf ihn verlassen.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Ich war 16 Jahre alt. Es war der 7.01.2007 als er starb. Der letzte Tag meiner Weihnachtsferien. Es war ein Sonntag. Er erschien nicht zum Sonntagsessen, was nichts Außergewöhnliches war, denn durch sein Studium, was er begonnen hatte, musste er manchmal auch sonntags Protokolle schreiben und vergaß dabei manchmal die Zeit. Meist meldete er sich am nächsten Tag.
Es war die Nacht vom 7.01. zum 08.01. wo die Polizei bei uns vor der Tür stand. Und als es geklingelt hatte, wusste ich genau, irgendwas ist mit meinem Bruder. Ich kann mich genau an die Situation erinnern. Fühle immer noch, wie damals alles war. Und es kommt einem immer noch unwirklich vor. Auch nach mittlerweile fast elf Jahren.
Stefan war, als er starb, 20 Jahre alt.

Woran ist er gestorben?

Er hat sich das Leben genommen. Freunde haben ihn gefunden. Er hat sich an der Türklinke erhangen. Mehr weiß ich darüber nicht. Er hat damals in einer WG gewohnt.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Das Schlimmste war, dass man nicht wusste, was ihn dazu getrieben hat. Man hat sich immer gefragt, was hat man falsch gemacht/ist man schuld an seinem Handeln. Nach Jahren habe ich erst eine Therapie gemacht, um das Ganze zu verarbeiten und habe damit gelernt zu leben. Ich weiß heute, dass ich nichts dafür kann, dass mein Bruder sich das Leben genommen hat. Er hat das selbst für sich entschieden. Ich habe es für mich als Teil meiner Biografie angenommen und kann darüber mit anderen reden. Was mich 2016 veranlasst hat, den Kurs zur Trauerbegleiterin zu machen.

Außerdem war schlimm an der ganzen Thematik, wie sehr man gemieden wird. Was es mit den Menschen um einen herum macht, wie tabuisiert das Thema ist. Und wenn dann die Menschen noch hören, er ist nicht eines natürlichen Tods gestorben, sieht man, wie es rattert in den Köpfen. „Was muss in der Familie schieflaufen, dass sich jemand umbringt?“ Mit solchen Themen musste ich mich auseinandersetzen.

Was hättest Du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Mehr mit meinen Eltern darüber gesprochen. Das Thema wird bis heute wenig behandelt. Wir reden zwar über Erlebnisse, die uns mit ihm verbinden. Aber es wird nicht darüber gesprochen, was damals passiert ist.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Musik hat mir geholfen. Die Freunde meines Bruders. Und als mein Mann in mein Leben trat, konnte ich viel aufarbeiten.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Lass alle Tränen, jede Wut raus. Egal wann und wo. Verstecke dich nicht. Wenn du reden willst, rede. Ohne dabei darauf zu gucken, ob jetzt gerade die Situation passt. Wenn du das Bedürfnis hast zu reden, dann tue dies. Und vielleicht mit einer neutralen Person reden. Manches sieht man dann oft klarer. Oder wenn man das Gefühl hat, dass man jetzt schon wieder nerve, wenn man wieder mit dem Thema anfängt. Die neutrale Person, z.B. Therapeut, muss zu hören…

Wie denkst du heute über deinen Bruder und seinen Tod?

Dass es schade ist, dass er weg ist. Er hat elf Jahre schon verpasst, wo sich viel verändert hat. Man hätte ihm helfen können, wenn er gewollt hätte. Er ist und bleibt ein sehr toller Mensch. Mein Mann, seine Familie und unser Kind würden ihm gefallen.

Wie hat dich der Tod deines Bruders verändert?

Ich bin empathischer geworden. Ich kann gut über Trauer und Tod reden. Kann anderen helfen, die gerade einen Verlust erlebt haben. Ich möchte noch mehr, dass Familie zusammenhält. Und mag es gar nicht, wenn nach einem Streit Funkstill herrscht. Weil man nie weiß, ob es das letzte Mal war, dass man sich gesehen oder gesprochen hat.

Was möchtest du uns noch über deinen Bruder erzählen?

Ich kann mich an ganz viele Momente mit meinem Bruder erinnern. Sogar noch an seine Stimme und sein Lachen. Jedoch habe ich Angst, dass es weniger wird. Dass ich irgendwann nicht mehr seine Stimme im Ohr habe. Ich denke immer noch oft an ihn und würde ihm gerne zeigen, was ich bis heute erreicht habe. Dass ich nicht mehr seine kleine Schwester bin. Sondern eine Frau bin, die verheiratet ist, glücklich ist und bald Mama wird.

Am meisten vermisse ich es einen Bruder zu haben, wenn man sich mit anderen trifft und die über Erlebnisse sprechen mit ihren Geschwistern.

Außerdem ist es für mich mittlerweile anstrengend, wenn es Richtung Weihnachten oder anderen Festlichkeiten der Familie geht. Früher konnte man sich alles teilen. Jetzt ist man das einzige Kind oder Enkelkind. Alle fokussieren sich auf einen und man kann sich nicht ausklinken. Man steht immer im Fokus. Die Aufmerksamkeit teilt sich nicht mehr. Man kann sich dem nicht entziehen. Man wird idealisiert. Nach zwei Tagen Familie weiß man nicht mehr, worüber man reden soll und es stört einen sogar, wenn man nur noch angestarrt wird von Eltern und Großeltern. Es kommt einem vor, dass sie nur noch auf mich stolz sind und es sonst nichts anderes mehr gäbe. Ich hoffe, das wird sich im Laufe der nächsten Jahre geben und der Wettkampf um die Aufmerksamkeit relativiert sich wieder.

Ich bin seit diesem Jahr verheiratet und habe den tollsten Mann, der immer ein offenes Ohr für mich hat und sehr viel Verständnis für mich und meine Gefühle hat.


Sophie ist 27 Jahre alt, lebt in Lübeck und liebt diese Stadt. Ursprünglich kommt sie aus Berlin und hat sechs Jahre nach dem Abitur in Hessen gelebt und Kindheitspädagogik studiert. Eigentlich arbeitet sie als Erzieherin, ist aber momentan im Mutterschutz – in Kürze wird ihr Leben auf den Kopf gestellt 😉


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