Interview: Tatjana*(32) aus der Schweiz

Tatjana* erzählt vom Tod ihrer lieben Mama als sie 27 Jahre alt war und von der Liebe, die beide über den Tod hinaus verbindet. 


Was für ein Mensch war deine Mama?

Meine Mama ist in schwierigen Familienverhältnissen aufgewachsen. Sie lebte als Kind bei ihrer Oma, welche ihre Bezugsperson war. Meinen Papa hat sie schon früh kennengelernt und da sie selbst keine intakte Familie hatte, war das wohl der größte Wunsch für sie. Und so haben meine Eltern mit Anfang 20 geheiratet und ich war auch schon unterwegs. Für meine Mama war Familie immer das Wichtigste im Leben. Als ihre Oma gestorben ist, hat sie sehr gelitten. Ich glaube, diesen Verlust hat sie nie verkraftet. Ich war noch ein Kindergartenkind zu der Zeit und kann mich immer noch erinnern, wie schmerzhaft es für sie war.

Meine Mama habe ich als sehr liebevoll, fürsorglich und sozial in Erinnerung. Sie hat sich immer um andere gekümmert, ich erinnere mich, wenn irgendwo ein Kind geweint hat, schaute sie immer nach den Eltern und wenn keine zu sehen waren, haben wir schon das ein oder andere „verlorene“ Kind wieder zu seinen Eltern gebracht. Auch war sie eine Löwenmama, es gab nie einen Zweifel, dass sie mich im Stich lassen würde oder nicht lieben würde. So bekam ich nach sieben Jahren auch noch eine kleine Schwester und die Familie war komplett.

Aber sie machte sich auch viele Sorgen, hatte einen schweren Rucksack zu tragen, der sie immer wieder beschäftigte und Kräfte raubte. So suchte sie sich einen „Helfer“, den Alkohol und Tabletten. Jahrelang im Verborgenen und wir haben es als Familie erst schleichend gemerkt. Die ersten Jahre war unser Zuhause weiterhin liebevoll und meine Mama hatte am Tag alles im Griff. Meine Eltern ließen sich scheiden und ich zog aus. Meine Mama zog mit ihrem neuen Partner und meiner Schwester in eine Wohnung. Die Beziehung hielt aber nur ein paar Jahre und dann war meine Mama mit meiner Schwester alleine. Da ging es dann ziemlich schnell, sie konnte ihre Alkoholsucht nicht mehr kontrollieren. Meine Schwester musste zu meiner Tante ausziehen. Ich lebte mittlerweile im Ausland und konnte nur an den Wochenenden unterstützen. Meine Mama hat immer wieder gekämpft, war im Entzug, in der Suchtklinik, sie hat sich immer wieder für das Leben und die Liebe zu uns Kindern entschieden. Bis zum letzten Tag.

Welche Bedeutung hatte deine Mama in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Die Bedeutung einer Mama für ihre Tochter kann man kaum in Worte fassen. Sie hat sich mich so sehr gewünscht, sie hat mich geboren und begleitet bei jedem Schritt in meinen ersten Lebensjahren. Sie hat mich geliebt mit ihrem ganzen Mutterherz. Sie wollte mir so sehr eine liebevolle und geborgene Kindheit bieten, was sie auch geschafft hat. Von ihr habe ich meine soziale Seite, meine Sensibilität und Empathie. Wir hatten eine sehr enge Beziehung, ich habe sie sehr geliebt, auch mit ihren traurigen Seiten. Da wir uns sehr ähnlich sind, waren wir uns oft nah, aber es gab wegen der Ähnlichkeiten auch Konflikte. Und trotzdem, sie war über eine sehr lange Zeit meine Vertrauensperson, die mich am besten verstand. Ich konnte sie immer erreichen und mein Herz ausschütten. Sie hat mich aufgefangen, aufgemuntert und fand die richtigen Worte, die ich gerade brauchte.

Wie alt warst du, als sie gestorben ist und wie erinnerst du dich an ihren Tod?

Meine Mama ist vier Tage vor meinem 28. Geburtstag gestorben. Ich war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger und ich weiß noch genau, dass mein Papa anrief. Er sagte nur, ich solle mich setzen, da wusste ich schon Bescheid. Es war ein unwirklicher Moment, ich hatte es bereits gefühlt, ich musste nichts mehr hören. In meinem Kopf lief ein automatisches Programm ab: 1. Keine Panik bekommen, das wäre nicht gut für mein Baby, 2. Wie sage ich es meiner Schwester? Da war klar, ich fahre gemeinsam mit meinem Papa zu ihr und wir sagen es ihr persönlich. Also packte ich innerhalb von Minuten meine Sachen, stieg ins Auto und fuhr mit meinem Mann zusammen die 300km Richtung Heimat.

Woran ist sie gestorben?

Aufgrund ihrer Alkoholsucht hatte meine Mama immer wieder starke Trinkphasen. Nach zwei Wochen einer solchen Phase ging es ihr sehr schlecht und sie kam ins Krankenhaus. Dort wurde eine starke Dehydrierung festgestellt und sie kam an den Tropf. Nach ein paar Stunden ist sie an Multiorganversagen gestorben, ihr Körper hat die Belastungen der Sucht nicht mehr ausgehalten.

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Das Allerschlimmste war, dass ich nicht bei ihr sein konnte als sie starb und dass wir uns nicht verabschieden konnten. Ich hätte sie zwar aufgebahrt nochmals sehen können, das wollte ich aber nicht. Ich habe ihr einen Brief geschrieben und mit ins Grab gelegt. Aber es ist immer wieder ein Thema, dass ich nicht nochmal mit ihr sprechen konnte und nicht bei ihr sein konnte in diesem Moment, als sie alleine war.

Was hättest Du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich hätte mir mehr Zeit am Anfang nehmen sollen, den Tod zu realisieren und mich auf die Gefühle einzulassen. Wegen meiner persönlichen Situation musste ich aber sehr gut auf mich achten und war im ersten Jahr sehr abgelenkt. Das war zwar auf der einen Seite auch gut, dass mein Leben normal weiterging, aber auf der anderen Seite fing die Trauerzeit bei mir persönlich so erst viel später an. Das Umfeld hat dann teilweise schon damit abgeschossen oder reagiert mit Unverständnis auf die späte Trauer. Das empfand ich doch als schwierig für mich.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Zum einen, dass ich akzeptiert habe, dass meine Trauerzeit so lange dauert, wie sie nun mal dauert. Dass es keine Regeln gibt oder Abläufe. Meine Trauer kam immer wieder und ich glaube, es wird mein Leben lang so bleiben. Meine Mama ist immer noch ein Teil meines Lebens, meiner Geschichte, aber auch ist sie ein Teil meiner Tochter, immer wieder werde ich an sie erinnert. Es ist mittlerweile weniger Trauer, sondern mehr Freude, wenn ich mich erinnere, aber die Trauer darf auch noch Platz haben. Außerdem habe ich mit den Belastungen der Vergangenheit, die mit meiner Mama zusammen hängen, abschließen müssen. Das habe ich schon vor ihrem Tod begonnen mit professioneller Hilfe und nach ihrem Tod alleine noch weiterbearbeitet. Dieses Jahr konnte ich die Vergangenheit endgültig loslassen, verzeihen und abschließen.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Alle Gefühle, die aufkommen, sind richtig. Bewerte sie und dich nicht. Gibt dir Zeit für deine Gefühle und Gedanken. Setz dich nicht unter Druck, wie du reagieren sollst, es gibt kein Richtig oder Falsch.

Wie denkst du heute über deine Mama und ihren Tod?

Mit viel Liebe denke ich an meine Mama. Ich sehe und verstehe die Zusammenhänge ihrer Person, wie es ihr ging, was sie bewegte und beschäftigte, wie sie dachte und fühlte. Das war mir zu ihrer Lebenszeit nur bedingt möglich. Es ist schön, dass ich sie heute so ganzheitlich sehen kann und dass die positiven Gefühle und Erinnerungen einen festen Platz bei mir haben. Ich glaube, ihr Tod hat ihr Heilung gegeben und wahrscheinlich mir auch. Als Mama ist sie unersetzbar und immer Teil meines Lebens und meines Herzens – auch über den Tod hinaus.

Wie hat dich der Tod von deiner Mutter verändert?

Der Tod meiner Mama ist ein ganz grosser Einschnitt und Wendepunkt in meinem Leben. Ich musste einen Weg finden, mich mit ihr, mit dem Tod und mit mir auseinander zu setzen. Dieser Weg lehrte mich das Leben anzunehmen, loslassen zu können, aus tiefstem Herzen zu verzeihen sowie Demut und Dankbarkeit für mein Leben. Ich sehe heute viel klarer, bin mit mir im Reinen und gestärkt für den Rest meines Lebens.


 

Tatjana* ist heute 32 Jahre alt, verheiratet und Mutter einer Tochter. Sie kommt aus der Schweiz, arbeitet als Beraterin und liebt es, ihre Zeit mit ihrer Familie und in der Natur zu verbringen. 

Danke Mama, für deine unendlich starke Liebe, dass du alles gegeben hast, was du konntest. Ich liebe dich.

*Name geändert


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