Interview: Momo (33) aus Berlin

Momo war gerade einmal fünf Jahre alt, als ihre Mutter an Krebs erkrankte. Wie sie diesen Verlust als Kind erlebte und was ihr geholfen hat, um heute zu einem „grundpositiven Menschen“ geworden zu sein, davon erzählt sie in ihrem Interview: 


Was für ein Mensch war die Verstorbene?

Meine Mutter

Welche Bedeutung hatte deine Mutter in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Meine Mutter erkrankte an Krebs als ich fünf war und leider sprach sie nicht viel mit mir darüber, sondern war öfters gereizt und brauchte viel Zeit für sich. Ihre Krankheit dauerte vier Jahre und ich behandelte meine Mutter mit Vorsicht, weil ich wusste, dass sie nicht so ein stabiles Nervenkostüm hatte. Natürlich habe ich sie geliebt, aber es war so, als hätte die Krankheit sich meinen Platz geraubt. Als Kind habe ich einfach in unserem Alltag funktioniert und flüchtete mich in meine Phantasiewelt. Meine Mutter zog sich immer mehr zurück und zwischen uns entstand eine Distanz. Sie kümmerte sich zwar erst noch um uns so gut es ging, aber es wurde immer weniger liebevoll und am Ende war sie mir so fremd, fast wie eine Tante. Wir hatten also nie eine enge Beziehung zueinander als sie noch lebte.

Wie alt warst du, als sie gestorben ist und wie erinnerst du dich an ihren Tod?

Ich war neun Jahre alt und wir mussten damals Hals über Kopf nach Bayern in die Krebsklinik fahren, in der sie behandelt wurde. Ich sah plötzlich meinen Vater weinen, obwohl vier Jahre lang kaum ein Wort darüber verloren wurde, dass meine Mutter eventuell sterben könnte. Ich habe das ganze völlig „cool“ hingenommen und konnte auch bei der Beerdigung nicht weinen. Heute weiß ich, dass das eine Art Schockzustand war. Alle Erwachsenen um mich herum jedoch lobten meine Tapferkeit.

Woran ist sie gestorben?

An den Metastasen im ganzen Körper. 

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Komisch ist, dass ich damals als Kind nicht viel empfinden konnte. Ich war eher verwirrt und empfand viele Dinge als ungerecht, habe mich aufgelehnt und war oft wütend. Heute finde ich schlimm, dass meine Mutter sich nie von uns verabschiedete, obwohl sie geahnt haben muss, dass sie es nicht schafft. Es ist schade, dass sie uns keinen physischen Gruß, einen Brief oder so hinterlassen hat. Aber dann habe ich eines ihrer Tagebücher gelesen und verstanden, was sie neben dem Kampf mit der Krankheit noch viel mehr beschäftigte und dass sie lieber Zeit mit sich verbrachte, als bis zum Ende Teil unserer Familie zu sein. Das ist hart zu verstehen, aber es war ihr Weg, den sie ging, um mit sich und ihrer Geschichte ins Reine zu kommen und aus ihren Notizen weiß ich sogar, dass sie kurz vor ihrem Tod am glücklichsten war.

Ich denke oft, dass der Krebs sie evtl. gezwungen hat, sich so eingehend mit sich zu beschäftigen und glaube, auch wenn das platt klingt, dass das alles einen Sinn hatte. Das zu wissen, besänftigt mich und macht mich weniger traurig. Es ist wichtiger, dass ich darauf schaue, dass ich im Hier und Jetzt Erfüllung erlebe und nicht nur zurückblicke.

Was hättest Du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich glaube als Kind hat man keine andere Wahl als automatisch auf die Außenwelt und die Erwachsenen zu reagieren. Wenn diese einem spiegeln, dass alles in Ordnung ist, dann verhält man sich evtl. komisch, aber ich habe zum Beispiel nie gelernt einen Zugang zu meinen Gefühlen zu bekommen, weil in meiner Familie so viel unter den Teppich gekehrt wurde. Vor allem in punkto Trauer. Darüber sprechen ist sehr sehr wichtig. Ich hätte gerne eine Begleitung gehabt, die mit mir damals vielleicht sogar kinderpsychologisch gearbeitet hätte. Ich hatte dann nämlich jahrelang Mühe alles aufzuarbeiten, was sich in mir in einer kleinen Walnussschale tief unten festgesetzt hatte.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Ohne eine lange tiefenpsychologische Therapie wäre ich wahrscheinlich nicht an meine tief verdrängten Gefühle gekommen. Ich konnte dort alle Phasen von Trauer, Wut, Enttäuschung bis hin zum Verstehen und Verzeihen alles durcharbeiten.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Ich würde Erwachsenen wirklich raten ihren Kindern beizubringen, dass alle Arten von Gefühlen in so einer Situation erlaubt sind, vor allem indem sie selbst auch Gefühle zeigen! Ich denke es ist hilfreich mit seinen Kindern auch über seine eigene Hilflosigkeit zu sprechen, aber- ohne sich auf sie zu stützen und ihnen das Gefühl zu geben, sie müssten den Erwachsenen retten.

Des weiteren glaube ich, dass eine tiefenpsychologische Beratung oder Therapie immer gut ist, wenn man sich in einer Schleife immer um das Selbe Thema dreht.

Und: Denjenigen, auf die man sauer ist, verzeihen zu lernen. Das ist ganz wichtig!

Wie denkst du heute über deine Mutter und ihren Tod?

Komischerweise habe ich irgendwann als ich erwachsen wurde angefangen mit meiner Mutter zu sprechen und Kontakt mit ihr aufzunehmen. Das hat sich dann so intensiviert, dass ich sie heute ganz stark spüre, mehr als je zuvor in meinem Leben. Sie ist immer da und stärkt mir den Rücken bei allem was ich tue. Es scheint so, als hätte sich unsere Beziehung transformiert, so dass ich diese Mutterliebe spüre, die ich damals nicht hatte. Auch wenn sich das für viel seltsam anhören mag, aber sie ist mir jetzt näher als damals, als sie noch lebte.

Der Tod hat mir vielleicht gezeigt, wie wichtig es ist wirklich in vollen Zügen zu leben.

Wie hat dich der Tod von deiner Mutter verändert?

Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass meine Mutter Zeit ihres Lebens abwesend und nicht interessiert an mir war. Das musste ich lange verarbeiten und in dieser Zeit habe ich so unglaublich viel über mich und meine Familie gelernt, dass ich diese Erfahrung nicht mehr missen möchte. Der Verarbeitungsprozess hat mich zu einem anderen Menschen gemacht und ich fühle mich bereichert, auch wenn der Ursprung all dessen keine schöne Erfahrung war. Insgesamt bin ich so zu einem grundpositiven Menschen geworden!

Vielleicht beeinflusst mich die Erfahrung, meine Mutter sterben gesehen zu haben, in meinen Entscheidungsprozessen generell. Oberflächlichkeiten beeindrucken mich nicht maßgeblich. Ich finde es wichtig, sich nicht nach den äußeren Erwartungen, der breiten Masse oder nach Rollenvorstellungen zu richten, sondern sich selbst Gutes zu tun und herauszufinden, was einen selbst wirklich glücklich macht. Ich brauche ja keine Angst haben etwas zu wagen – ich habe manchmal das Gefühl, das Schlimmste ist mir eh schon passiert. Ich möchte mir meine Träume verwirklichen, vielleicht auch, weil meine Mutter dazu nie die Chance hatte.


 

Momo ist heute 33 Jahre alt, lebt in Berlin und ist Künstlerin und Filmemacherin.
Momo erstellt einen Film über ihre Mutter und ihre Geschichte und möchte Menschen, die das Thema ähnlich erleben, gerne einladen, ihren Prozess mitzuverfolgen. „Denn ich finde, auch das Thema Tod und Sterben darf eine Öffentlichkeit haben!“ Ihre Facebookseite findet ihr hier

Mein schönstes Erlebnis mit ihr war, als nur wir zwei in Bayern einen langen Spaziergang an einem Stausee machten. Sie war schon lange krank und dass sie sich Zeit für mich nahm war mir sehr wertvoll. Es wurde dort gerade an einer Brücke gebaut die einmal eine Strasse über den See führen sollte und wir standen an der angefangenen Brücke, die bis zur Hälfte auf den Stausee ragte und schauten auf das klare Wasser. Sie sprach so vertraut mit mir und spürte diese Mutterwärme, die sonst so wenig Platz hatte. Ich fühlte mich in dem Moment besonders wahrgenommen von ihr. Sie erzählte mir dass sie nur noch soundsoviel Leukozyten im Blut hätte, hielt meine Hand und schien richtig glücklich.
Heute ist die Brücke fertig und sie lebt nicht mehr. Aber das war einer unser intimsten Momente.


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