Interview: Anna (33) aus Essen

Anna erzählt vom Tod ihres Onkels Franky, mit dem sie eine ganz besondere Beziehung verband. Sie war 19, als er an einer Dosis Heroin starb. 


Was für ein Mensch war dein Onkel?

Mein Onkel Franky ist 2004 gestorben. Da war er 35 Jahre alt. Er war immer wie ein kleiner Junge, der nach Halt suchte, nach Liebe und Geborgenheit, der seine Talente nicht leben konnte, sein Potential nicht kannte, ohne richtigen festen Wohnsitz, ohne Ausbildung. Heute würde man vielleicht sagen, dass er eine ausgeprägte Form von ADHS hatte, aber eigentlich war er nur eine verlorene Seele. Er war wunderschön. Lange schwarze Haare, eine schöne Statur. Von weitem sah er aus wie ein Indianer. In seiner Jugend war er Punker, lebte mal hier und mal da. Ihm waren kleine Dinge wichtig. Zum Beispiel Schmuck, den er geschenkt bekam. Oder eine Geige, die er bei sich trug, obwohl er nicht Geige spielen konnte. Er liebte Tiere über alles, vor allem Pferde. Seine Begabung war es, mit Pferden zu arbeiten, obwohl er nie wirklich reiten gelernt hat oder eine sonstige Ausbildung in diesem Bereich gemacht hat.

Welche Bedeutung hatte Franky in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Ich habe Franky immer von ganzem Herzen geliebt. Wir hatten eine ganz besondere Beziehung. Mit ihm konnte ich als Kind ganz hoch schaukeln, verstecken spielen, gemeinsam lachen. Er war ja immer im Herzen ein kleiner Junge. In meiner Kindheit empfand ich ihn wie einen Spielkameraden. Und er fand mich auch besonders. Er konnte mich mitnehmen zu seinen Punker-Kumpels, die z.B. Schlangen hatten oder ich saß mit im Park und war fasziniert von den tollen Frisuren der Frauen, die damals alle rot toupierte Haare hatten. Als ich älter wurde, da wuchs unsere Liebe. Er hatte immer ein Foto von mir dabei und erzählte allen Freunden, dass ich seine Nichte sei, die mal Abitur machen würde. Seine Freunde begrüßten mich mit Handschlag, dabei waren es obdachlose Trinker. Mir machte es nichts. Ich fühlte den Stolz meines Onkels.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Als Franky starb, war ich 19. Ich erfuhr es an dem Tag, als ich meinen Abitur-Chaostag hatte, wo wir unsere bestandenen Prüfungen feierten. Ich war mit Freundinnen in meiner Wohnung und ein Cousin kam zu mir und teilte es mir mit. Ich war da tief erschüttert und verlor den festen Boden unter den Füßen. An dem Tag feierte ich nicht weiter und auch die nächsten Tage waren schwer für mich. In der Familie sahen wir es zwar alle kommen, dass Franky früh sterben würde, aber die Tragödie um sein ungelebtes Leben, bzw. seine ungelebten Potentiale belegte mich wie einen Schatten.

Woran ist er gestorben?

Franky starb an einer zu sauberen Dosis Heroin. Tragisch daran war, dass er zuvor zum ersten Mal eine stationäre Therapie beendet hatte. Er lernte zuvor eine Frau kennen, mit der er sich eine gemeinsame Zukunft aufbauen wollte. Als er zurückkam, hatte sie einen neuen Freund. Und er wusste sich nicht anders zu helfen, als seinen Schmerz mit Heroin zu dämpfen.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Damals fand ich die Umstände einfach schlimm. Franky war bereits mehrere Tage tot in der Wohnung meiner Oma. Als sie aus dem Urlaub kam, fand sie ihn. In der Familie waren alle wie gelähmt und keiner wusste sich zu helfen. Die Trauer wurde einfach runtergeschluckt und es wurde weitergelebt. Da bei mir eine Umbruchphase war, schwebte ich erst Mal mehrere Monate umher. Ich wusste nicht wohin, was ich studieren sollte. Auch ich erkannte mein Potential nicht. Dann flüchtete ich in eine Beziehung, die mir zunächst Halt gab. Einige Jahre später machte ich eine Therapie. In diesem Rahmen konnte ich zum ersten Mal meiner Trauer Raum geben, nicht nur um den traurigen Tod meines Onkels, sondern auch um sein trauriges Leben voller Suche.

Was hättest Du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Zu dem Zeitpunkt von Frankys Tod konnte ich mich noch nicht richtig damit und auch mit seinem Leben auseinandersetzen, weil ich selber noch keinen Halt hatte. Aber ich hätte mir im Nachhinein gewünscht, dass die Familie mehr darüber spricht und dass andere Familienmitglieder seinen Tod als Augenöffner genutzt hätten.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Mir hat tatsächlich die Therapie geholfen. Zum ersten Mal konnte ich über Franky sprechen und meine Therapeutin und ich fanden ein indianisches Bild, mit dem ich meine Traurigkeit loslassen konnte. Der belastende Schatten ist weg, dafür kam die Liebe wieder, die ich immer zu ihm fühlte. Gelegentlich träume ich ganz intensiv von ihm. Es ist immer derselbe Traum. Ich sehe ihn und denke, er ist ja gar nicht tot. Und dann denke ich im Traum, dass ich immer wusste, dass er noch lebt und er nun sein Leben lebt. Nach diesen Träumen bin ich immer ganz glücklich, weil Franky mir die Botschaft sendet: Lebe deine Potentiale. Ich begleite dich dabei, so wie ich immer ein Foto von dir dabei hatte, so bin ich auch jetzt dabei. Im Nachhinein weiß ich, dass es nicht Zufall war, dass Franky an meiner Abiturfeier starb. Er hat gewartet, dass ich das Abitur schaffe.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Wenn die Umstände auch so tragisch sind wie bei Franky, dann würde ich mir auf jeden Fall Hilfe holen. Ich denke, dass man damit nicht alleine fertig wird, das muss man auch gar nicht! Therapeutische Hilfe kann da sinnvoll sein, um auch mehrere Facetten tiefergehend zu bearbeiten.

Wie denkst du heute über Franky und seinen Tod?

Das Gefühl, dass ich mit Franky und seinem Tod verbinde, ist tiefe Dankbarkeit und Liebe. Er hat mir die Augen geöffnet. Ich hätte ihm natürlich ein anderes Leben gewünscht, aber ich weiß ganz tief in mir, dass es ihm jetzt gut geht und dass er die Aufgabe hatte, mir die Augen zu öffnen.

Wie hat dich der Tod von Franky verändert?

Der Tod von Franky hat mich mehr auf meinen Weg gebracht und dahin, selbstständig und unabhängig zu werden. Er war ja nie frei und voller Suche. Durch ihn habe ich gemerkt, wie wichtig eine sichere Basis ist, wie wohltuend ein fester Job sein kann. Auch habe ich darüber reflektiert, wie tief die Suchtstruktur in der Familie verankert ist, dass es überhaupt so weit kommen konnte. Ich habe die genetische Disposition dafür erkannt und lehne Alkohol sowie andere Suchtmittel seither mit einem guten Gefühl ab. Frankys Tod hat mich gesünder gemacht, freier, selbstständiger und unabhängiger, mit festem Halt. Auch bin ich spiritueller geworden, mit einem tiefen Glauben, dass alles seinen Sinn hat, auch wenn es zunächst unglaublich schwer ist.


 

Anna ist 33 Jahre alt, von Beruf Grundschullehrerin und wohnt in Essen.

Franky, ich danke dir für einen dieser schönsten Momente in meiner Kindheit, als ich 3 Jahre alt war:

Wir sind auf dem Hof meines Onkels Norbert in Frankreich. Es ist ein wunderschöner Sommerabend. Unter dem Balken hing eine riesige Schaukel. Franky und ich schaukelten zusammen so hoch, dass alle schon Angst bekamen. Ich fühlte mich sicher bei ihm und empfand tiefe Freude. Er konnte mit den Füßen beim Schaukeln die Decke berühren.


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