Zitat

Interview: Nina (44) aus Ostwestfalen-Lippe

Nina war 42 Jahre alt, als ihr geliebter Mann nach leidvoller Krankheit an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb. Hier erzählt sie von ihrem Weg in ein neues Leben: 

Was für ein Mensch war dein Mann? 

Mein Mann war ein sehr lustiger, warmer und großzügiger Mensch. Er hatte zu ganz vielen und sehr unterschiedlichen Menschen Kontakt, konnte sie so nehmen wie sie waren und immer auch noch etwas Positives erkennen (viel besser als ich). Er war ein leidenschaftlicher Lehrer, für ihn war dieser Beruf wirklich eine Berufung, besonders gut konnte er mit pubertären 6.-8.-Klässlern. In vielen Bereichen war er sehr „unmännlich“ (mehr als 1000 Worte am Tag, kein Fußball/ Autofan..), er war taktil, viel Mimik und Gestik, sehr sarkastisch/ironisch, schwarzer Humor, mit einer sehr skurrilen Filmsammlung und ein großer Kinderhörspielfan. Hat mit Leidenschaft Lieder umgedichtet, von vielen Liedern kenn ich nur seine Version.

Welche Bedeutung hatte dein Mann in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Es hat einfach gepasst. Er hat in mich hineingeschaut. Ich hatte immer das Gefühl so sein zu dürfen wie ich bin und genauso geliebt zu werden. Innerhalb sehr kurzer Zeit hatten wir eine ganz besondere Ebene. Wirkliche Seelenverwandte.
Einfach ER + einfach ICH = WIR

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Ich war 42 als er starb. Den Anruf habe ich im Blumenladen bekommen. Meine Mutter und ich haben uns dort um den Grabschmuck gekümmert. Ich war erleichtert .. dass er endlich gehen konnte. Dass der Schmerz und das Leid für ihn vorbei sind. Er konnte nicht mehr gehen, aufstehen, essen, trinken, sprechen… soo dünn. Wirklich nur noch Haut und Knochen. Und Schmerzen.

Woran ist er gestorben?

Bauchspeicheldrüsenkrebs. Diagnose 5/2014, inoperatives Rezidiv 3/15

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Alleine zurück zu bleiben ist das Schlimmste für mich. Meinen Lieblingsmensch und meinen Rückhalt zu verlieren. Ich war nie gut im Alleinesein. Wir waren eine Einheit. Jetzt muss ich alles alleine stemmen. Alles was jetzt ansteht und alles was noch kommt. Zu sehen, wie die Kinder leiden. Ich fühle mich zerrissen.. von allen Seiten kommen Ansprüche, Forderungen, Entscheidungen müssen getroffen werden, Streits geschlichtet werden.
Immer alleine entscheiden.
Und leer.. innerlich wie taub, obwohl ich auch weiterhin gerne lache, viele Momente genießen kann, habe ich das Gefühl, dass eine Seite von mir taub – abgestorben ist.
Wo ist Zeit/Raum für meine Trauer? 1x monatlich in der Trauergruppe, sonst funktioniere ich.. und oft bin ich zu müde.
Ich habe es mit der Unterstützung meiner Mutter, einiger Freunde und durchs (Aus)Reiten geschafft, weiter zu machen. Nein – mehr als nur weiter zu machen.. ich kann schöne Momente (Ritt durch den nebeligen oder sonnigen Wald, Tanzen, am Meer spazieren, leckeres Essen usw) genießen. Freue mich über jeden schönen Himmel, dann fühle ich mich ihm nah. Ebenso am Meer. Habe das Gefühl für ihn „mitzuleben“.
Und auf der anderen Seite fühle ich mich innerlich taub. Komme nur schwer an die Trauer ran, habe Angst davor, wenn ich sie zulasse den Boden zu verlieren.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Kann ich nicht sagen. Ich habe versucht, auf mich und meine Bedürfnisse zu hören. Im Alltag mit zwei Kindern und Job ist da nicht viel Zeit. Ich habe überlegt, wie es gewesen wäre, „richtig zusammenzubrechen“, nicht mehr zu funktionieren, vielleicht hätte ich damit der Trauer einen größeren Raum geben können, aber das bin nicht ICH.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Reiten, Tanzen.. meine Mum. Ich rückbesinne mich auf meine eigenen Bedürfnisse, Hobbies, Stärken.
Zum Teil die Kinder, viel dadurch, dass der Alltag weitergehen muss, wobei die Beiden mich auch immer wieder an den Rand der Belastungsgrenze bringen. Und auch darüber hinaus.
Ich glaube nicht, dass ich schon mit dem Verlust fertig geworden bin.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Trauere so wie DU trauern möchtest/kannst. Geh tanzen, fahr Motorrad was auch immer. Mach die Schritte in deiner Reihenfolge und deinem Tempo. Wenn du es schaffst, such dir ein Ritual, einen Ort, wo du Ihm/ihr nah bist.

Wie denkst du heute über deinen Mann und seinen Tod?

Das ich für ihn – mit ihm in mir drin versuchen werde, viele unserer Pläne zu erleben. Seinen Tod kann ich weiterhin nur als große Erlösung sehen, ich hätte ihm nicht gewünscht noch länger so weiterleben zu müssen. Dennoch hätte ich gerne noch mehr Zeit mit ihm gehabt…

Wie hat dich der Tod deines Mannes verändert?

Ich merke, dass ich dabei bin, mein eigenes Leben/die Zukunft neu zu planen. Manche Pläne von früher sind weiter wichtig, aber ich merke auch neue bzw. ganz alte Ideen, die ICH gerne verwirklichen würde. Ich denke darüber nach, mir bald ein eigenes Islandpferd zu kaufen. Ein Wunsch, den ich schon lange in mir trage, der aber, wenn mein Mann noch leben würde, weiter nur ein Gedanke wäre. Nun könnte er in meinem neuen Leben einen wichtigen Platz ausfüllen.
Ich höre noch öfter auf mein Bauchgefühl, und versuche ihm zu trauen. In einigen Bereichen bin ich „härter“ geworden, ich lehne z.B. private Kontakte (auch zum Bruder) ab, wenn sie mir nicht gut tun.

Gibt es noch einen besonderen Moment mit deinem Mann, an den du dich gerne erinnerst und den du hier teilen möchtest? 

Als wir mit den Kindern und meiner Ma und einer guten Familienfreundin im Silvesterurlaub waren, gingen uns um 20 Uhr die (alkoholischen) Getränke aus. Wir sind dann im hohen Norden verzweifelt alle Tankstellen abgefahren und haben für ein heiden Geld 2 Flaschen Wein und nen 6pack Bier besorgt. Schon auf der Fahrt haben wir angefangen das Lied „ In der Weihnachtsbäckerei“ umzudichten:
„Bei der Silvesterfeierei, ist´s um halb neun schon vorbei,
denn der Wein ist aus und kein Sprit im Haus,
ja da fahr´n wir schnell zur Tanke raus.
Die Silvesterfeierei.. die Silvesterfeierei..“
Wir haben noch den ganzen Abend und die folgenden Tage an dem Lied rumgedichtet. Inzwischen hat das Lied schon 17 Strophen. Und wir wollen weiterdichten.


Nina ist 44 Jahre alt. Sie kommt gebürtig aus Wuppertal und lebt seit 15 Jahren in OWL (Ostwestfalen-Lippe). Genau wie ihr verstorbener Mann ist sie auch Lehrerin. Kennen- und sehr schnell lieben gelernt haben sich die beiden während ihres Referendariats. 


Danke für Deinen Kommentar: