Zitat. Da ist Dankbarkeit.

Interview: Denise (52) aus der Schweiz

Denise (52) erzählt von ihrem Sohn Lars, der 2003 im Alter von nur drei Jahren an den Folgen des Suizids seines Vaters starb. 

Was für ein Mensch war der Verstorbene?

Mein dreijähriger Sohn.

Welche Bedeutung hatte dein Sohn in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Mein Sohn Lars war drei Jahre alt und unsere Beziehung war eine sehr herzliche, sehr innige Mutter-Kind-Beziehung, die allerdings von der immer schwieriger werdenden Beziehung zu meinem psychisch kranken Partner überschattet war, von dem ich mich kurz vorher getrennt hatte.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Ich war achtunddreißig Jahre alt, als Lars, im Sommer 2003, starb. Sein Tod hat den Boden unter meinen Füßen aufgerissen und mein Leben buchstäblich auf den Kopf gestellt.

Woran ist er gestorben?

Lars starb an den Folgen des Suizids seines Vaters, weshalb man das – nicht wirklich passenderweise – einen erweiterten Suizid nennt.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Am schlimmsten war und ist, dass mein Sohn Lars, nur weil sein kranker Vater nicht mehr leben wollte, auch nicht mehr leben darf. Als Folge des Suizids meines Expartners sind außerdem weitere Menschen verletzt worden, eine junge Frau sogar tödlich. Das hat mich phasenweise zusätzlich sehr belastet, zumal ich mich am Anfang mitschuldig gefühlt habe. Die öffentliche Berichterstattung war zwar vorwiegend seriös, dennoch lästig und unerwünscht. Auf einmal war ich und war unsere gescheiterte Beziehung, wenn auch in anonymisierter Form, Thema der Zeitungsschlagzeilen und der Fernsehnachrichten. Dabei hätte ich mir einfach nur Ruhe gewünscht. Der Schockzustand wirkte zum Glück wie eine Art Schutzhülle. Ich habe mich dennoch damals von der Öffentlichkeit sehr zurückgezogen. Vor allem am Anfang war ich meistens im Haus und pflegte nur noch Kontakte zu sehr nahen Freundinnen, Freunden und Verwandten.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Dazu fällt mir nichts ein, denn ich habe mich intensiv auf die Trauer eingelassen und auch verschiedene Therapieformen in Anspruch genommen (Traumatherapie, Körpertherapien).

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Ich verdanke meinen Freundinnen, Freunden und nächsten Verwandten sehr viel. Und auch meinem neuen Lebenspartner, der nun schon bald acht Jahre mit mir über Berg und Tal geht. All diese Menschen waren und sind einfach da und teilen meine Trauer mit mir. Geholfen hat immer wieder das Reden über Lars. Das Schreiben von Briefen an ihn. Das Schreiben überhaupt. Und auch das Teilen meiner Trauer mit anderen, die Kinder oder Geschwister verloren haben. Und ja, auch das Trauerseminar bei Dr. Jorgos Canacakis, das ich damals besucht habe, war sehr wertvoll.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Schau und hör genau hin, was du brauchst und was dir gerade jetzt gut tut. Nimm dich ernst. Höre auf deine Bedürfnisse. Hole dir Hilfe. Vergleiche deine Trauer nicht mit der anderer Menschen. Jede und jeder trauert anders.

Wie denkst du heute über Lars und seinen Tod?

Noch immer vermisse ich meinen Sohn sehr, auch physisch, obwohl ich paradoxerweise und trotz allem auch eine Art Frieden mit seinem Tod gefunden habe. Zuweilen überkommt mich noch immer Wut, wenn ich an die Ereignisse damals denke. Und ja, noch immer ist da große Trauer. Lars’ Tod war und ist in meinen Augen noch immer sinnlos.

Doch da ist auch Dankbarkeit. Für jeden Tag mit Lars. Nie habe ich es bereut, dass ich diese drei Jahre mit ihm erleben durfte trotz des schrecklichen Endes. Besonders vermisse ich Lars’ Sprachfertigkeit, sein Ideenreichtum, um Dinge zu benennen. Etwa den Sonnenbrunnen, seine Wortschöpfung für das Sonnenlicht, das sich im Wald wie eine Fontäne durch die Bäume ergießt. Ich vermisse seine kindliche Leichtigkeit, mit welcher er die Welt neu erfinden konnte. Seine Regenbogen zum Beispiel waren immer kreisrund, logisch! Und wenn ein Missgeschick passierte, musste das „eigentlich einfach“ so sein. Er war dem Leben gegenüber sehr neugierig, wissensdurstig und ansteckend lebensfroh. Er begegnete allem und allen mutig und mit einem weit offenen Herzen.

Wie hat Dich Lars‘ Tod verändert?

Ich habe die Leichtigkeit verloren, die ich früher zuweilen hatte. Ich lebe seither in einer latenten Trauerwolke, trotz aller Therapien. Ich bin heute viel weniger belastbar als früher. Und viel weniger mutig.

 

Denise ist 52 Jahre alt und lebt in der Schweiz. Sie ist teils künstlerisch tätig und als Freiberuflerin im Textbereich, teils angestellt. Seit dreizehn Jahren betreibt sie als Jana D. mit andern zusammen eine Webseite für Menschen, die um ihre Kinder trauern: Wenn Kinder sterben


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