Interview mit Elke

Interview: Elke (52) aus der Nähe von Aachen

Elke (52) erzählt vom Tod ihrer Tochter Sarah, die sich im Herbst 2014 im Alter von 26 Jahren das Leben nahm. 

Elke hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben, mit dem sie Eltern, die ein Kind durch Suizid verloren haben, Mut machen und Hoffnung geben möchte. Mehr über das Buch Jenseits des Dramas erfährst du auf ihrer Webseite

Was für ein Mensch war deine Tochter? 

Sarah war eine liebevolle, mitfühlende junge Frau. Ihre überschäumende Fröhlichkeit und ihr lautes Lachen waren ihr Markenzeichen. Sie hatte Verständnis für jeden Lebensentwurf und verurteilte niemanden, für sie war jeder Mensch, genauso wie er war, perfekt. Sie war außerdem eine exzellente Zuhörerin und weise Ratgeberin.

Welche Bedeutung hatte deine Tochter in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Ich mag nicht in der Vergangenheitsform über sie reden: Sie ist meine Tochter, mein drittes Kind. Wir hatten eine sehr liebevolle Beziehung. Eine Mutter liebt jedes ihrer Kinder, aber sie war immer mein ganz besonderes Kind. Sie liebte es genau wie ich, zu diskutieren und kreative Denkansätze zu entwickeln.

Wie alt warst du, als sie gestorben ist und wie erinnerst du dich an ihren Tod?

Ich war genau 50 Jahre, sie war knapp 27. Es war an einem Samstag und ich war noch an meinem Arbeitsplatz, als ich von meinem Sohn angerufen wurde, dass möglicherweise etwas mit Sarah nicht stimmt. Zwei Stunden später teilte mir ein junger Polizist auf dem Parkplatz der Studentenwohnanlage mit, dass sie sich in der Nacht zuvor das Leben genommen hatte.

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Das Schlimmste….hmmm…schwer zu sagen. Erst mal diese Plötzlichkeit, dieses nicht vorbereitet sein. Dieses nicht Begreifen können. Sie fehlte mir unglaublich stark und ich konnte einfach nicht verstehen, dass sie tatsächlich nicht mehr da war. Wo war sie? Und dann natürlich die Fragen, ob ich etwas hätte anders/besser machen können, um ihren Tod zu verhindern. Ob ich etwas übersehen hatte oder gar (mit-) schuld war an ihrem Entschluss.

Um zu begreifen hilft nur die Zeit, die man verstreichen lässt. Langsam, ganz langsam, sickerte es in mein Bewusstsein, dass sie tatsächlich nicht wieder zurück kommen würde.

Die Schuldgefühle waren hartnäckiger. Ich habe irgendwann ganz pragmatisch entschieden, dass ich mich nicht länger schuldig fühlen wollte, weil ich es nicht wissen konnte, ob ich denn tatsächlich etwas hätte verhindern können. Und ich wollte mich nicht länger mit etwas quälen, das ich nicht wissen konnte und auch nie erfahren würde. Sie hatte diese Entscheidung getroffen, und meine einzige Aufgabe war es, diese Entscheidung von ihr zu akzeptieren und Frieden damit zu finden.

Was hättest Du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich habe alles richtig gemacht!

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Zeit, Zeit, Zeit. Dann das Anerkennen, dass es ihre Entscheidung war. Meine Entscheidung, mich nicht länger mit Selbstvorwürfen zu quälen. Selbstdisziplin, d.h. beizeiten aus den Drama-Gedanken auszusteigen und mich gedanklich bewusst woanders hinzuwenden. Irgendwann habe ich bemerkt, dass ich wählen kann – will ich den dramatischen Gedanken weiterdenken und damit unweigerlich ins Drama und in die Verzweiflung stürzen, oder will ich einen anderen Gedanken finden, einen der leichter ist?

Ich habe aufgehört, sie dort zu suchen, wo sie nicht mehr ist und habe eine neue Verbindung zu ihr gesucht und gefunden. Die Liebe zwischen ihr und mir geht niemals verloren. Genauso wenig wie Energie verloren geht. Für mich ist sie nicht tot, sie hat nur ihren Körper zurückgelassen. Ihre Essenz lebt ewig. Und mit ihr und mit der Liebe, die uns verbindet, kann ich jederzeit in Kontakt treten.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Das kommt darauf an, wie lange der Tod her ist. Wenn es gerade erst passiert ist, würde ich ihm raten, liebevoll mit sich umzugehen, auf sich und seine Bedürfnisse zu achten und von Außenstehenden Hilfe anzufordern, wenn sich das gut für ihn anfühlt. Ich würde ihm raten, sich einzulassen auf alle Gefühle die kommen, und nichts zu verdrängen. Und so viel wie möglich mitzuwirken an allem, was mit der Verabschiedung zu tun hat und so wenig wie möglich zu delegieren. Ich würde auch raten, ein Bestattungsinstitut ganz bewusst auszusuchen, und zu schauen, ob man dort als Mensch gut begleitet ist. Und ich würde empfehlen, sich auf jeden Fall am Sarg zu verabschieden, wenn man dazu vorher keine Zeit hatte. Ich hatte eine Wahnsinns-Angst davor und hatte mir allerlei perfekte Ausreden zurechtgelegt. Die Entscheidung, es doch zu tun war im Nachhinein eine der Wichtigsten überhaupt.

Im weiteren Verlauf des Trauerweges würde ich dazu raten, zu versuchen, eine neue Verbindung zu dem Verstorbenen zu finden. So dass er nicht eine in immer weitere Ferne rückende Person wird, die man schmerzlich vermisst, sondern dass das Bewusstsein dafür wächst, dass diese Person immer um einen herum ist und dass die Liebe zwischen ihr und uns nie aufhört. Das einzige was uns davon abhalten kann diese Liebe zu spüren ist unser Widerstand dagegen.

Wie denkst du heute über deine Tochter und ihren Tod?

Ich denke das gleiche, wie zu ihren Lebzeiten: sie ist wunderbar und einzigartig, sie ist etwas ganz Besonderes für mich. Es ist immer noch traurig, dass ich sie nun nicht mehr anfassen kann, dass ich sie nicht mehr im Arm halten kann und dass ich ihre Kinder nicht mehr kennen lernen kann. Aber ich liebe sie einfach weiter – sie hat selbst bestimmt, dass ihr irdisches Leben zu Ende sein soll. Wer bin ich, dass ich sie dafür verurteile oder weniger liebe?

Wie hat dich Sarahs Tod verändert?

Das hört sich jetzt vielleicht komisch an, aber ich bin liebevoller und dankbarer geworden. Weniger anspruchsvoll anderen Menschen gegenüber. Jeden einzelnen Tag wertschätzend. Ich kann jeden Menschen so sein lassen, wie er ist. Und ich weiß um meine mentale Stärke. Ich fühle mich spirituell mehr verbunden als je zuvor.

Elke Sohler

Elke ist 52 Jahre alt und lebt mit ihrer jüngsten Tochter und ihrem Ehemann in der Nähe von Aachen. Durch den Tod ihrer Tochter und ihre Erfahrungen mit dem Trauern und der Rückkehr ins Leben ist in ihr der Wunsch gewachsen, mehr Leichtigkeit in dieses schwere Thema zu bringen. „Es ist an der Zeit, neue Wege zu gehen und das alte, schwere, untröstliche und unversöhnliche zurückzulassen.“ Derzeit tut sie das auf ihrem Blog und ihre inspirierenden Posts auf Facebook. Elke hält zudem Vorträge und bietet Begleitung für Trauernde an, die sich Unterstützung dabei wünschen, wieder in ein lebenswertes Leben zurückzukehren. 

 


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