Jasmin (32) über ihre Freundin

Interview: Jasmin (32) aus Gelsenkirchen

Jasmin (32) erzählt von dem völlig unerwarteten Tod einer ihrer engsten Freundinnen, die nach einem geplatzten Aneurysma ins Koma fiel und nicht mehr daraus erwachte. Jasmin war damals 30 Jahre alt. 

Was für ein Mensch war die Verstorbene?

Meine Freundin Sandra war ein immer fröhlicher, lebenslustiger, sportlicher und starker Mensch. Sie war immer fröhlich und hat immer gute Laune verbreitet. Wenn Probleme anstanden, hat sie immer einen Weg gefunden, diese zu lösen. Wenn ich den Mut verloren habe oder traurig war, hat sie es immer geschafft, mich zu trösten und mir wieder ein Lächeln gezaubert. Sie hat mich immer begleitet, gestärkt und mir Mut gemacht, an mich zu glauben und meine Träume zu verwirklichen.

Welche Bedeutung hatte deine Freundin in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Sandra, liebevoll auch Schnecke genannt, war einer meiner engsten Freunde, quasi schon Familie. Wir haben uns im Tierheim kennen gelernt, wo wir uns beide ehrenamtlich um die Tiere gekümmert haben. Ich fand sie direkt sympathisch, was bei mir selten der Fall ist. Sie hat so eine Ruhe und Souveränität ausgestrahlt und ich fühlte mich angezogen von ihrer guten Laune und ihrem Enthusiasmus. Wir konnten über alles reden und haben uns wahnsinnig gut verstanden. Manchmal mussten wir nicht mal sprechen, denn wir konnten unsere Gedanken lesen. Wir waren immer füreinander da, auch wenn wir mal Zeiten hatten, in denen es nicht den allerintensivsten Kontakt gab. Sandra war immer ein Mensch der Taten und alles hatte Hand und Fuß, was sie in die Hand genommen hat. Sie war immer ein Vorbild für mich, wie eine ältere Schwester. Sie war unglaublich wertvoll für mich und ist es immer noch… Tief in mir spüre ich sie und weiß, dass sie mich weiterhin unterstützt und stärkt.

Wie alt warst du, als sie gestorben ist und wie erinnerst du dich an ihren Tod?

Sandra ist im Januar 2014 gestorben, als ich 30 Jahre alt war, da kannten wir uns schon 11 Jahre. Ich möchte sie oft anrufen oder ihr schreiben und dann fällt mir ein, dass es nicht geht… Ich spüre sie aber auf Spaziergängen, im Regenbogen, im Wind, im Zwitschern der Vögel und dann kommt die wunderschöne Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit, unsere gemeinsamen Spaziergänge, unsere gemeinsamen Gespräche…

Woran ist sie gestorben?

Sie hatte ein Aneurysma im Nacken, von dem niemand etwas wusste. Es ist geplatzt und sie fiel ins Koma. Einfach so… beim Einkaufen.

Was war für dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Das Schlimmste war, dass ich keine Chance hatte, mich wirklich zu verabschieden. Sandra fiel ins Koma und wachte daraus nicht mehr auf. Ich konnte sie anfassen, sie streicheln, ihr nahe sein und mit ihr sprechen, aber sie konnte nicht mehr antworten. Es war alles so unwirklich und unheimlich, nicht greifbar, einfach nur schmerzhaft und ungerecht. Ich war bei ihr, als die Maschinen abgestellt wurden, zusammen mit ihrem Mann und meiner Mama und ihren Eltern. Es war bewegend und wichtig, um zu begreifen, dass sie nicht wieder erwachen würde. Sie lag so da, als würde sie schlafen und jeden Moment wieder aufwachen, aber es passierte nicht. So musste ich Abschied nehmen, ohne dass sie mir „Auf Wiedersehen“ sagen konnte. Wie geht man damit um? Das habe ich mich auch gefragt. Ich habe früher nie darüber nachgedacht, weil auch ich dachte, dass es immer nur anderen passieren würde und niemals mir. Wer glaubt schon, dass eine junge, gesunde, sportliche und lebensfrohe Frau einfach von heute auf Morgen sterben könnte? Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu lernen, den endgültigen Abschied zu akzeptieren und damit zu leben. Weinen soll helfen, aber irgendwann sind die Tränen alle und dann bricht die Seele… der Kontakt mit ihrer Familie, insbesondere ihrer Schwester, hat mir geholfen, es zu begreifen und fassbar zu machen. Meine Tiere und meine Familie haben mich getröstet und mich gestärkt, denn sie alle liebten Sandra, so wie ich. Leider haben sich auch Freunde abgewendet, weil sie mich nicht „ertragen“ haben, weil sie meinten, ihnen ginge es doch auch schlecht. Von solchen Menschen habe ich mich seitdem distanziert und sie aus meinem Leben geworfen, denn sie rauben nur Energie. Ich umgebe mich mit Menschen und Tieren, weil es mir gut tut, aufgefangen zu werden, weil es mir gut tut, über Sandra zu sprechen und mich zu erinnern.

Was hättest du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich hätte mich noch eher von falschen Freunden distanzieren sollen und nicht an mir zweifeln sollen. Trauer ist gut und Trauer darf gelebt werden, so wie es einem selbst gut tut und nicht so, wie andere es erwarten. Trauer ist individuell und sollte auch genauso gelebt werden und ich nehme mir auch einfach das Recht dazu.

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Meine Familie und meine Tiere und natürlich auch andere enge Freunde, die immer für mich da waren, die mir zugehört haben und mich einfach „ertragen“ haben. Es tut gut, wenn man nicht alleine trauern muss. Ich habe auch ein Trauerseminar mitgemacht, was mir sehr geholfen hat, mir im Nachhinein über vieles klar zu werden. Der Austausch mit anderen Menschen, die auch jemanden verloren haben, hat mir geholfen, mir auch über meine Gefühle klar zu werden. Es hat mir gezeigt, dass es auch andere Menschen gibt, die eine tiefe Trauer haben und versuchen, damit umzugehen und weiter zu leben.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Das Wichtigste ist: Es gibt kein Richtig oder Falsch beim Trauern!!! Und das sollte man sich auch von niemandem vorschreiben lassen. Man sollte sich mit Menschen und Tieren umgeben, die man liebt, die einen stützen und unterstützen, die zuhören und nichts erwarten. Auch sollte man sich selbst Auszeiten gönnen und Gefühle zulassen, wenn sie kommen: Weinen, Schreien, Toben. Alles ist erlaubt und alles ist gut. Die Emotionen müssen irgendwie raus, sonst zerbricht man daran.

Wie denkst du heute über deine Freundin und ihren Tod?

Ich weiß, dass Sandra bei mir ist und mich weiterhin unterstützt. Ihr Körper mag zwar weg sein, aber ihre Seele ist bei mir, bei uns und sie wird uns nie verlassen. Ich kann sie spüren, kann mir ihr sprechen und weiß, dass unser „Band“ niemals reißen wird. Das Band der Liebe und auch der Freundschaft reißt niemals. Auch wenn man sich nicht sehen kann, ist man sich dennoch nah. Ich bin weiterhin traurig, denn Trauer verschwindet nicht, sie verändert sich nur, aber ich bin nicht mehr sauer oder wütend auf den Tod, sondern ich habe es akzeptiert, damit ich weiter leben kann.

Wie hat dich der Tod deiner Freundin verändert?

Ich bin in ein tiefes Loch gefallen und dachte, ich würde nie wieder daraus hervor kommen. Schicksalsschläge stärken den Menschen, wenn er gelernt hat, wieder aufzustehen und die Narben (auch im Inneren des Herzens) zeigen deutlich, wie intensiv das Band zum Verstorbenen ist. Ich bin noch sensibler geworden, aber auch noch stärker und mutiger. Ich bin noch mehr ICH geworden, so wie ich wirklich bin. Aber ich muss auch sagen, dass ich realistischer wurde, auch desillusioniert und empfindlicher gegenüber anderen Menschen, gegenüber „bösen“ und verletzenden Äußerungen. Dennoch überwiegt das Positive ♥

 

Jasmin ist 32 Jahre alt und wohnt in Gelsenkirchen. Sie arbeitet ehrenamtlich und hauptberuflich im Tierheim. „Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich meine Leidenschaft (und meine Liebe zu den Tieren) ausleben darf.“ Auf ihrer Facebookseite kannst du dich über ihre Katzenverhaltensberatung im Tierheim informieren. Auf den Fotos sind einige ihrer Lieblinge zu sehen sowie Sandra, dank deren Zuspruch Jasmin heute an ihre Stärken glaubt und ihren ganz eigenen Weg geht. 

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