Interview: Anne (28) aus Hamburg

Anne (28) über ihren Opa und besten Freund Fritz* (92), der im Frühjahr 2014 an Krebs gestorben ist.  


Das Bild zeigt eine Agave, die Anne neben unzähligen weiteren Kakteen nach dem Tod ihres Opas bei sich aufgenommen hat. Seine Sammlung mit mehr als 200 Kakteen war seine große Leidenschaft.


Was für ein Mensch war Dein Opa?

Opa war genügsam. Er wuchs in armen Verhältnissen auf, war im Krieg und hat den Rest seines Lebens immer nur gearbeitet. Er hat seine Rente genossen und sich niemals beschwert. Er war zufrieden so wie alles war. Es gab für ihn keinen Grund für schlechte Laune. Er war liebevoll und naturverbunden. Als meine Schwestern und ich noch kleiner waren, war er der perfekte Opa: Er hat uns Sachen geschnitzt, uns auf Bäume klettern lassen, wir durften Dreck und Lärm machen und hatten Kaninchen bei ihm. Er strahlte Ruhe und Gelassenheit aus, so lange ich ihn kannte.

Welche Bedeutung hatte Dein Opa in Deinem Leben und wie würdest Du Eure Beziehung beschreiben?

Mein Opa war mein Freund. Ich musste nie viel erklären. Ich durfte immer einfach da sein und seine Ruhe genießen. Er hat sich für mich und alles, was ich tat, ehrlich interessiert. Er hat mir gerne aus seinem Leben erzählt. Seit meine Oma gestorben war (vor fast 10 Jahren) habe ich ihn regelmäßig besucht. Wir sind immer einfach durch die Gegend gefahren. Er kannte alle Pflanzen und Tiere, kannte auch jedes Haus und alle Leute, die jemals darin gewohnt hatten. Er wusste zu allem eine Geschichte und war immer gerne draußen. Wir haben einfach unsere gemeinsame Zeit genossen, gequatscht, „Dame“ gespielt. Es war eine unkomplizierte Beziehung.

Wie alt warst Du, als er gestorben ist und wie erinnerst Du Dich an seinen Tod?

Ich war 28. Es ging ihm schon seit ein paar Wochen schlecht. Weil Feiertag war, war ich zu Hause. Schon gegen Mittag rief meine Mutter an, um zu sagen, dass Opa wieder ins Krankenhaus musste. Das passierte in letzter Zeit öfter. Es schien aber alles so weit unter Kontrolle. Es war schon länger klar, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde, aber mein Besuch am nächsten Wochenende sollte noch klappen. Davon gingen wir aus. Etwas später rief meine Mutter wieder an und sagte er sei gestorben. Ich war ganz ruhig und konnte gar nichts denken. Es hat Monate gedauert bis ich verstanden habe, dass Opa tot ist.

Woran ist er gestorben?

Opa hatte Krebs. Er war sehr alt, deshalb wuchs der Krebs nicht mehr so schnell und deshalb gaben ihm die Ärzte auch immer gute Prognosen. Es war klar, dass er daran sterben würde, aber man gab ihm durchaus noch etwas Zeit.

Was war für Dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast Du es geschafft damit umzugehen?

Das Schlimmste ist, dass Opa in einem Krankenhaus gestorben ist und auch seine letzten Wochen in einem Pflegeheim zubringen musste. Er hatte zuletzt starke Schmerzen und konnte sich nicht mehr selbst versorgen. Nach einem Sturz in seinem Haus entschieden mein Vater und seine Geschwister, dass er nicht länger allein sein konnte. Opa war sehr ungern in dem Heim oder im Krankenhaus. Es gab nicht viele Dinge, die ihm den Mut nehmen oder die Laune verderben konnte, aber in einem Heim zu leben war für ihn falsch. Ich hatte ihm immer versprochen, dass genau das nicht passieren würde, dass ich zur Not selbst zu ihm kommen und ihn pflegen würde. Aber dann war ich schwanger, als es ihm immer schlechter ging. Ich hätte es sicher geschafft, ihm die alltäglichen Dinge abzunehmen und zu erleichtern, aber er brauchte medizinische Hilfe und jemanden, der im Notfall belastbar war. Das konnte ich schwanger nicht leisten. Das tut mir bis heute weh.

Was hättest Du rückblickend in und mit Deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich hätte gerne mit jemandem gesprochen, mit meiner Tante zum Beispiel. Sie kann, glaube ich, meine Beziehung zu Opa gut verstehen und hat ihn – trotz der oftmals schweren Kindheit, die sie bei ihm hatte – sehr geliebt.

Wer oder was hat Dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Mein Freund war immer für da und ist es bis heute. Er fährt mit mir zum Grab, wann immer ich will und er versteht, dass ich selbst heute noch oft traurig bin und viel an Opa denke. Opa hat ihn sehr gemocht.

Was würdest Du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Sprich darüber! Weine, wenn Du es brauchst und lass Dich trösten. Nimm Dir die Zeit, die Du brauchst, um weiter leben zu können, auch wenn das Deine Mitmenschen strapaziert. Lass die Trauer raus und alles, was da sonst noch an Gefühlen über Dich kommt.

Wie denkst Du heute über Deinen Opa und seinen Tod?

Heute denke ich oft, dass es für Opa eine Erlösung war zu sterben, nachdem seine letzten Wochen so grässlich waren. Ich mache niemandem Vorwürfe, aber ich bin der Meinung, dass wir als Familie seinen Wunsch zu Hause zu sein, hätten beachten müssen. Ich denke nicht anders über Opa als vorher. Ich bin froh, dass wir so viel Zeit miteinander hatten und ich so Wichtiges von ihm lernen konnte. Und ich bin froh, dass es in meinem Leben jemanden gab, der mich so tief beeindruckt hat.

Wie hat Dich der Tod Deines Opas verändert?

Es ist sicher leichter, jemanden gehen zu lassen, der sein Leben gelebt hat und den man nicht täglich an seiner Seite hatte. Trotzdem hat Opas Leben meins geprägt. Sein Tod hat mich verändert. Durch seinen Tod habe ich ein Stück Hoffnung verloren. Es gibt einen Rückzugsort weniger in meinem Leben. Dass sein Sterben so rastlos war, passt nicht zu dem zufriedenen alten Mann, den ich kannte. Seit Opa tot ist denke ich vorsichtiger über das Sterben nach. Der Tod tritt nicht plötzlich ein: Er ist ein Weg, den wir gehen und wir sollten uns rechtzeitig überlegen, wie wir ihn gehen wollen und wer uns begleiten soll. Sterben wird als etwas Schreckliches und Verbotenes betrachtet – und wenn ich Opas Sterben betrachte, verstehe ich auch, warum das so ist. Ich will nicht sagen, dass wir den Tod lustig gestalten sollen, aber wir sollten anfangen, ihn überhaupt zu gestalten. Man sollte als sterbender Mensch darüber reden dürfen, was für Hoffnungen und Ängste man hat und man sollte als angehörige Familie ein Notizbuch dabei haben und das ernst nehmen. Sterben ist nicht schön, aber es muss auch nicht grausam sein. Weder für den Sterbenden, noch für die, die ihn lieben.


Anne* ist 28 und lebt zusammen mit ihrem Freund in Hamburg. Sie ist Biologin und arbeitet im Moment an ihrer Doktorarbeit im biomedizinischen Bereich. Wenn ihr langweilig ist, spielt sie Geige, liest genauso gern gute wie schlechte Bücher oder strickt Socken (etwas anderes kann sie nicht stricken).

*Anne möchte gerne anonym bleiben. Deshalb wurden beide Namen wurde auf ihren Wunsch hin geändert.