Interview: Judith (32) aus Berlin

Judith (32), Initiatorin von Dein Tod und ich, über ihre Cousine und beste Freundin aus Kindertagen. Doris starb an Krebs als sie beide elf Jahre alt waren.  


Pressebild_Dein Tod und ich_Judith Peller


Was für ein Mensch war Deine Cousine?

Doris war eine Kämpferin, immer optimistisch, mit einem schier unstillbaren Hunger nach Leben. Sie war unglaublich klug, neugierig, aber auch stur wie ein Esel, wenn es sein musste. Ihr messerscharfer Humor und ihr schneller Geist: Daran muss ich oft denken.

Welche Bedeutung hatte Deine Cousine in Deinem Leben und wie würdest Du Eure Beziehung beschreiben?

Doris war meine erste beste Freundin. Wir waren wie Schwestern, die jede freie Minute miteinander verbracht haben. Wir haben uns irgendwie blind und stumm verstanden, uns gegenseitig vertraut und unsere Kindheit, unsere Gedanken und Wünsche miteinander geteilt. Auch wenn dabei oft die Fetzen flogen: Das fehlt mir heute noch.

Wie alt warst Du, als sie gestorben ist und wie erinnerst Du Dich an ihren Tod?

Wir waren beide 11 Jahre alt, als sie starb. Ihr Tod war schrecklich für mich. Ich habe sie wenige Tage davor noch gesehen. Das war fast schlimmer, als sie dann später im Sarg liegen zu sehen. Sie war einfach nicht mehr die Doris, die ich kannte. Der Krebs hatte nichts von ihr übrig gelassen. Ich war wütend und voller Schuld, weil sie sterben musste und ich leben durfte. Und ich hatte Angst.

Woran ist sie gestorben?

Krebs.

Was war für Dich das Schlimmste an ihrem Tod und wie hast Du es geschafft damit umzugehen?

Die Wut und die Schuld waren das Schlimmste. Ich hatte nach ihrem Tod große Angst, dass ich die nächste bin. Diese Angst vorm Tod und vorm Leben hat mich sehr lange gelähmt und mich davon abgehalten, mein Leben als Geschenk zu genießen. Richtig geholfen hat mir erst mein Therapeut und Körperarbeit nach der Grinberg Methode. Ich habe viel gebetet nach ihrem Tod. Und ich spreche heute noch oft mit ihr. Das hilft.

Was hättest Du rückblickend in und mit Deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

Ich war ein Kind. Da fällt es schwer zu sagen, was ich vielleicht hätte anders machen können. Ich hätte meinen Eltern vielleicht früher einen Anlass geben oder sagen können, dass ich Hilfe brauche, aber vielleicht war der Moment genau der richtige – auch wenn es lange gedauert hat. Manche Dinge brauchen einfach die Zeit, die sie brauchen.

Wer oder was hat Dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Meine Eltern, die mir von Anfang an vorgelebt und beigebracht haben, an Gott zu glauben – auch wenn es manchmal schwer fällt. Mein Therapeut, der immer die richtigen Fragen gestellt hat. Meine Grinberg Praktikerin, die mir und v. a. meinem Körper geholfen hat, sich zu erinnern, wie schön das Leben sein kann. Meine Familie und meine Freunde, die immer für mich da sind.

Was würdest Du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Auch wenn man das Gefühl hat, niemals mit diesem großen Schmerz fertig zu werden: Man schafft es, wenn man ihn zulässt. Wenn man sich erlaubt zu trauern, zu weinen, zu reden, zu zweifeln, zu toben, zu „was auch immer“ – so viel und so oft es eben nötig ist. Ich weine heute noch, manchmal. Der Schmerz ist ein Teil von mir. Auch wenn er weniger geworden ist, wird er immer bleiben. Genau wie alles andere auch: Niemand, den man liebt, verschwindet ganz. Nie.

Wie denkst Du heute über Deine Cousine und ihren Tod?

Doris und ihr Tod sind ein Teil meines Lebens. Daran wird sich nie etwas ändern und das ist auch gut so.

Wie hat Dich der Tod Deiner Cousine verändert?

Ich habe mich nach Doris‘ Tod und einer sehr langen Zeit der Trauer und Angst endlich für’s Leben entschieden. Doris ist dabei mein Leuchtturm, der mich immer wieder auf Kurs bringt und mich daran erinnert, mich mit nichts weniger als einem glücklichen und erfüllten Leben zufrieden zu geben. Und dafür zu kämpfen. Jeden Tag. Doris hätte und hat es genauso gemacht. Das weiß ich heute.


Judith lebt in Berlin und in ihrer fränkischen Heimat. Mit Dein Tod und ich möchte sie einen Beitrag dazu leisten, eine neue Art der Auseinandersetzung mit dem Tod anzustoßen.