Alles ist gut

Interview: Anja (44) aus Lübeck

Anja erzählt von ihrem Mann Andreas, der im Alter von 48 Jahren innerhalb von fünfeinhalb Wochen an Krebs verstarb. Sie war damals 41 Jahre alt. 


Was für ein Mensch war Andreas?

Er war ein ruhiger Mensch mit sehr trockenem Humor. Manchmal überraschend verrückt, sehr liebevoll und fürsorglich. Zeitweise auch ein wenig eigenbrötlerisch.

Welche Bedeutung hatte Andreas in deinem Leben und wie würdest du eure Beziehung beschreiben?

Wir haben uns im Internet über ein Datingportal kennengelernt – wir haben häufig gescherzt, wir hätten einander „gekauft“ ;O) Er war mein bester Freund und Liebhaber zugleich, mein Ruhepool, Stütze,… Er hat mich zum Lachen gebracht und konnte die weltbesten Umarmungen schenken… Mein Sohn hat durch ihn einen tollen Stiefvater gewonnen – das lief ganz selbstverständlich und wurde von den beiden nie in Frage gestellt. Wir waren nicht verheiratet, haben aber unser Leben gemeinsam gestaltet, als gäbe es einen unsichtbaren Vertrag. Ein Ehegelübde war dafür nicht notwendig… Das wichtigste an unserer Beziehung war das gegenseitige Vertrauen, die Verlässlichkeit. Er war mein Zuhause.

Wie alt warst du, als er gestorben ist und wie erinnerst du dich an seinen Tod?

Ich war 41, Andreas 48. Bis zu seinem Todestag habe ich mich während der Krankheitsphase daran festgehalten, etwas tun zu können – und sei es nur, für ihn da zu sein. Ich konnte nicht realisieren, dass er tatsächlich sterben wird. Sein Todestag war schlimm, der Tod kam trotz der Diagnose für mich völlig überraschend. Ich bin aber sehr dankbar, dass ich bei ihm sein durfte, als er starb.

Woran ist er gestorben?

Krebs… ein Hirntumor… Wir hatten nur 5 ½ Wochen von der Diagnose bis zum Tod.

Was war für dich das Schlimmste an seinem Tod und wie hast du es geschafft damit umzugehen?

Die Hilflosigkeit war für mich das Schlimmste. Hilflos zusehen zu müssen, wie er den Kampf verliert. Ich habe mir Zeit genommen – eigentlich blieb mir gar nichts anderes übrig, denke ich. Ich war mit meinen Kräften am Ende. Ich habe gelernt, auszuhalten, dass ich nicht mehr „funktioniere“ und mir die Zeit zu geben, die Trauer zu leben. Nach und nach konnte ich wieder in den Alltag einsteigen. Mein Arbeitgeber hat mir beim Einstieg sehr geholfen. Ich bekam die Zeit, die ich brauchte und: Verständnis. Danke an die besten Kollegen der Welt! 

Was hättest Du rückblickend in und mit deiner Trauer vielleicht gerne anders gemacht?

An meiner Trauerzeit möchte ich gar nichts ändern. Ich bin sehr stolz, dass ich meinen eigenen Weg durch diese Zeit gefunden habe und ihn auch gegangen bin. Wenn ich zurückdenke, würde ich eher an der Zeit vor Andreas‘ Tod etwas ändern: ich hätte gerne mehr mit ihm gesprochen als es noch möglich war. Gedanken zu Tod und Sterben mit ihm geteilt, über Gefühle gesprochen, die uns bewegen… Dieses kleine Bedauern habe ich mitgenommen und versuche nun, im Alltag einfach mehr darauf zu achten, das auszusprechen was wichtig ist (kein Verschieben auf „später“ mehr).

Wer oder was hat dir am meisten geholfen, mit dem Verlust fertig zu werden?

Da kommt mir an erster Stelle meine Trauerbegleiterin in den Kopf. Sie ist das Beste, was mir in dieser Situation passieren konnte und ich bin un-end-lich dankbar, dass wir uns begegnen durften! Sie hat mir durch tiefste Tiefen geholfen, sich mit mir über Hochs gefreut – und (am aller-allerwichtigsten) sie hat mich darin bestärkt, dass ich genau so richtig bin, wie ich eben gerade bin. Mein Sohn hat mir geholfen, einen Sinn darin zu finden, dass das Leben weitergeht. Liebe Freunde, die mutig da waren, nachgefragt haben, mich ausgehalten haben, haben mir Kraft gegeben.

Was würdest du jemandem sagen, der gerade in einer ähnlichen Situation mit dem Tod konfrontiert ist?

Das kommt glaube ich sehr auf die Person an, der ich begegne. Ich wünsche jedem Trauernden Menschen, die ihn stützen, die Halt geben, die ihn so akzeptieren und aushalten, wie er ist. Es gibt kein „richtig“ und kein „falsch“ beim Trauern. Man braucht Zeit und die Kraft, seine Trauer so anzunehmen, wie sie einem begegnet. Ich wünsche jedem den Mut, so zu sein, wie er ist: mit der Trauer, der Wut, dem Schmerz – ja und auch mit den schönen Gefühlen, dem Glück und dem Lachen, das einem auch in der Trauer begegnen kann. Ich möchte Trauernde bestärken, sich ihrem Umfeld zuzumuten, ihre Trauer zu zeigen. Der Tod gehört zu unserem Leben, man kann ihn nicht totschweigen – über ihn zu sprechen kann uns die Angst vor ihm nehmen.

Wie denkst du heute über Andreas und seinen Tod?

Es mag für die eine oder den anderen befremdlich klingen, aber ich empfinde mittlerweile ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit. So schrecklich es ist, dass dieser Tod uns getrennt hat – so dankbar bin ich dafür, dass wir uns begegnet sind, für unsere gemeinsame Zeit… Wir haben uns bis zum Ende innig geliebt… Das darf nicht jeder erleben… Ich bin vielen Menschen begegnet, die ich ohne Andreas‘ Tod nicht hätte kennenlernen dürfen. Das ist eine große Bereicherung für mich. Die Liebe zu ihm darf in meinem Herzen bleiben ohne dass sie einer anderen Liebe Raum nimmt. Ich hatte einen Traum, der für mich große Symbolkraft hat:: Ein großes Bild mit einem schönen Motiv hinter einer Glasfront ist heruntergefallen und zerbrochen. Die Sprünge im Glas haben zwei ineinander verschlungene Herzen dargestellt. Obwohl das ursprüngliche Bild zerbrochen ist, war das neu entstandene wunderschön… Auch in meinem Leben ist etwas Großes, das mir mehr als alles andere am Herzen lag, zerbrochen – aber das, was sich daraus entwickelt hat, ist wunderwunderschön!

Wie hat dich der Tod von Andreas verändert?

Sein Tod hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen – meine Zukunft war *puff* dahin. Ich musste mich komplett neu finden. Mittlerweile bin ich unendlich dankbar dafür. Ich bin anders, ich bin stärker und gleichzeitig weicher… Ich mache nun eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und möchte mit meiner Erfahrung im Hintergrund anderen zur Seite stehen. Ich hatte und habe den Eindruck, dass es zu wenig Unterstützung für Trauernde gibt – ich möchte dazu beitragen, dass sich das ändert. Das Leben nach Andreas‘ Tod hat mehr Tiefgang und auch mehr Weite. Ich schätze mein eigenes Leben viel stärker, verbiege mich weniger, achte besser auf mich und die, die mir wichtig sind. Das fühlt sich gut und richtig an. Ich bin viel mehr bei mir, habe ein Gefühl der Zufriedenheit. Ich kann Glück viel stärker wahrnehmen, dadurch dass die Selbstverständlichkeit dieses Gefühls weggefallen ist. Ich liebe das Leben… aber ich darf ein Stück untröstlich bleiben!


 

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Anja hat sich ebenfalls mit einem Beitrag bei der Aktion „Alle reden über Trauer“ am 27. Februar 2017 auf In lauter Trauer beteiligt: „Darf ich bitte trotzdem Witwe sein?“

Sie ist 44 Jahre alt, lebt in Lübeck und arbeitet als Assistentin in einem Forschungsinstitut.

 

„Mein Sohn und ich haben tolle Unterstützung von „Kinder auf Schmetterlingsflügeln e. V.“ erhalten. Ich habe nun „die Seite gewechselt“ und engagiere mich ehrenamtlich im Verein in der Trauerbegleitung.“

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